Blaues Blut und brauner Boden

Eine Kolumne von Franziska Augstein.

Der deutsche Adel hatte beste Beziehungen zum Nationalsozialismus. Das liegt nicht zuletzt an einem Missverständnis: Aristokraten wähnten ihre Interessen bei einer Partei gut aufgehoben, die für »Blut und Boden« sprach.

Und es begab sich im Jahr 1760, während des Siebenjährigen Krieges, dass der Alte Fritz dem vielfach ausgezeichneten Kommandeur eines Eliteregiments die Ordre überbringen ließ, das sächsische Schloss Hubertusburg niederzumachen und zu plündern. Da aber und für einmal widerstand der brave Johann Friedrich Adolf von der Marwitz dem Befehl seines Königs. Das Marodieren: Seine Sache sei das nicht. Sprach’s, drehte ab und zog sich zurück auf seine Güter. Nach seinem Tod 1781 ließ ein Neffe in den Grabstein die Worte meißeln: »Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.«

Diese Anekdote erzählt der deutsche Historiker Stephan Malinowski in seinem Buch »Nazis and Nobles« (Oxford University Press, 2020). Malinowski lehrt in Edinburgh, was erklären mag, warum sein Buch zunächst auf Englisch publiziert wurde und erst in einigen Monaten auf Deutsch erscheinen wird. In der Wirklichkeit, so Malinowski, habe der Befehlsverweigerer wohl wenig büßen müssen. Hubertusburg sei von anderen geplündert worden; es gebe Hinweise in den Archiven, dass von der Marwitz einen Teil der Beute dann beim fröhlichen Kartenspielen gewonnen habe. Das war aber bloß die Coda der tapferen Tat. Auf die Geste kam es an, weshalb diese Geschichte seither in adeligen Häusern rauf und runter erzählt worden sei.

Malinowski erzählt diese Anekdote exemplarisch für die Neigung deutscher Adeliger, die Vergangenheit zu verklären. Der Stand neige seit jeher dazu, sich an Vorbildern emporzuranken und auf sich selbst zu beziehen, was einst dieser oder jener Vorfahr vollbrachte. (Für Aristokraten anderer Länder gilt das gewiss auch, aber darum geht es hier nicht.) Stilisierung und Idealisierung der Vorfahren können das eigene Selbstverständnis aufputzen. Und warum auch nicht? Nun, die damit gefütterte Art von Dünkel konnte, wie Malinowski darlegt, die Watte hergeben, mit der die von spitzen Steinen besetzten Wege zur Kollaboration mit den Nazis weicher wurden.

Es versteht sich, dass man nicht alle deutschen Adeligen über einen Kamm scheren kann. Malinowski ist sich dessen bestens bewusst. Weil er soziologisch gearbeitet hat und zu quantifizieren suchte, hat er seine Untersuchung auf drei Gruppen deutscher Adeliger zugespitzt: Die »Armen«, die nach dem verlorenen Krieg 1918 Stellung und Auskommen verloren hatten; die wohlhabenden preußischen Landbesitzer; die reichen süddeutschen Fürstenhäuser, die aus dem Ersten Weltkrieg – von den toten Familienangehörigen abgesehen – ziemlich ungeschoren hervorgingen. Malinowskis Buch basiert auf seiner Studie, die er 2003 erstmals veröffentlichte und seither mehrmals auf den neuesten Stand der Forschung gebracht hat.

Die Friedensverträge von Versailles verboten der Weimarer Republik, ein ausführlich bestücktes stehendes Heer zu unterhalten. Damit ging die komfortabel dotierte Offizierslaufbahn vielen Adeligen verloren. Auch fehlten in der Republik die Zirkel, in denen es ausgemachte Sache war, minderbemittelten Aristokraten ein Auskommen zuzuschustern. Die Leute waren auf sich selbst gestellt. Als moderne Menschen suchten sie neue Fürsprecher. Weil sie aber gleichzeitig äußerst konservativ waren, kamen viele darauf, sich den Nationalsozialisten zuzuwenden: Die sprachen von »Blut und Boden«; die fanden, dass Frauen sich am besten zu Hause entfalten; die sprachen von »Nation« und »Vaterland«, von »Treue« und »Ehre«. Das war mit den herkömmlichen Erzählungen der Aristokraten vereinbar. Viele um ihr Auskommen ringende Adelige traten der NSDAP bei, bevor Hitler 1933 zum Reichskanzler gewählt wurde.

Was die großen Häuser angeht, steht die Sache schiefer. Dort hielt man Manieren hoch. Hitler, die SA und die SS hatten keine Manieren; Berichte davon, wie SA-Männer unbewaffnete Menschen auf der Straße halbtot schlugen, kamen nicht gut an. In süddeutschen Fürstenhäusern konnte man sich leisten, eine Meinung zu haben: Hitler war ein Parvenü; er spuckte auf den Katholizismus; er war nicht willkommen. Dessen ungeachtet gab es selbstverständlich auch bayerische Adelige, die sich frühzeitig bei der NSDAP anbiederten oder dann 1933 nach Hitlers Wahl zum Reichskanzler – um auf Nummer sicher zu gehen – ganz schnell noch Mitglied der NSDAP wurden. Das Gros des süddeutschen Hochadels hat sich freilich insgesamt weniger zuschulden kommen lassen als der herrschaftliche ostelbische Adel, der seine Tausende Hektar Land zu bewahren suchte. Viele Angehörige der preußischen Hocharistokratie haben dem Hitler-Regime gedient, auch wenn deren Nachfahren das heute nicht wahrhaben wollen. Viele Akten der Nationalsozialisten sind verloren gegangen, andere sind privat unter Verschluss.

Heute werden alle, die an dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt waren und deren etliche anschließend exekutiert wurden, hochverehrt. Das ist gut und richtig. Darüber gerät in Vergessenheit, dass die meisten der beteiligten adeligen NS-Offiziere weder republikanisch noch gar demokratisch gestimmt waren. Sie waren durchdrungen von dem Gedanken, von Geburt an zum Herrschen bestimmt zu sein. Die Männer waren tapfer und mutig. Dass nach geglücktem Attentat eine Demokratie eingerichtet werde, wie wir sie heute haben, war indes nicht ihr Plan; eher schon galten Vorstellungen von einer Ständegesellschaft, in der die Aristokraten die Oberhand hätten.

Stephan Malinowski beschreibt die Verhältnisse in den 1930er- und 1940er-Jahren mit erbarmungsloser Genauigkeit. Adelige meinten sehr lange, Hitler »reiten« zu können, ihn zu zähmen. Außerdem hielten auch sie nichts von Sozialisten, Kommunisten, Juden und anderen Bürgern. Sie machten also mit. Sie machten auch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit, als Offiziere im Feld. Die NS-Idee, es gebe »Untermenschen« – Juden, Polen, Russen und andere – störte nicht, solange Nazi-Deutschland im Vormarsch war. Erst nach der Schlacht von Stalingrad im Winter 1942 auf 1943, als die Niederlage des Deutschen Reichs in diesem großen Krieg absehbar war, wurde das Netzwerk des Widerstands fest geknüpft.

Die NS-Führung hatte die Aristokratie gern benutzt: Im Ausland wollten die Nationalsozialisten anfangs respektabel dastehen. Da war man dankbar für die Fürsprache der international vernetzten deutschen Aristokraten, die auf Besuch in anderen Ländern erklärten, dieser Adolf Hitler sei ein ordentlicher Politiker. Indes – die Ironie der Geschichte bringt es mit sich – es waren eben auch die aristokratischen Netzwerke, die überhaupt erlaubten, den Widerstand aufzubauen. Adelige Frauen und Männer, wer »aus Kiste« kam, hatten ein Vertrauensverhältnis zueinander, das jenseits der Politik lag. Das ermöglichte die Geheimhaltung der Pläne für ein neues Deutschland. Am falschen Ort, gegenüber einer falschen Person wurde nicht geplappert.

Etliche der Attentäter des 20. Juli seien anfangs dem Nationalsozialismus zugewandt gewesen, schreibt Malinowski. Schließlich sei es weniger ihre Moral, die sich da Bahn gebrochen habe, als vielmehr schlechtes Gewissen angesichts der Grauenhaftigkeiten, die unter ihrer Ägide im Krieg vonstattengegangen seien.

Stephan Malinowski hat sein Buch sehr vorsichtig geschrieben. Das Haus Hohenzollern wünscht Restitutionen von der Bundesrepublik in enormem Umfang. Malinowski war als Gutachter hinzugezogen und wurde daraufhin verklagt. Das Haus Hohenzollern scheint – allen Enteignungen zum Trotz – offenbar in der Lage, Zahlungen an seine Juristen zu entrichten. Den Hohenzollern und ihrem Scharwenzeln mit den Nazis werde ich mich an dieser Stelle demnächst widmen.


Spiegel.de, 20.02.2021
Dieser Text stammt aus „Post von Augstein“ – einer Kolumne auf Spiegel.de
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