Ein Platz an der Sonne für die Hohenzollern?

Eine Kolumne von Franziska Augstein.

1946 sandte Konrad Adenauer einer Dame mit adeligem Namen einen Brief. Gegen Ende schrieb er: »Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen zu sagen, wie tief empört ich – der ich den Wert der Tradition kenne und schätze – über die Haltung des größten Teiles Ihrer Standesgenossen während der nationalsozialistischen Zeit bin; sie sind unter Verleugnung ihrer Tradition aus einer völlig unbegründeten Abneigung gegen eine wirkliche Demokratie einem verbrecherischen Abenteuer nachgelaufen.«

Diesen Brief verfasste Adenauer, drei Jahre bevor er Bundeskanzler wurde und dann zu der Ansicht kam, wenn man kein sauberes Wasser habe, müsse man mit schmutzigem waschen.

Nach Kriegsende verloren deutsche Gutsherren ihre Güter im Osten des einstmaligen Deutschen Reichs. Manche, wie zum Beispiel die Familie von Puttkamer, deren Ländereien in Hinterpommern sich an der Ostseeküste über Kilometer hin erstreckten und von dort auf Tausenden Hektar weiter ins Binnenland, nahmen es hin, dass der Zweite Weltkrieg sie um ihr Hab und Gut gebracht hatte. Der 2019 verstorbene bundesdeutsche Diplomat Eberhard von Puttkamer erzählte, seine Eltern hätten ihre einstigen Güter und die Bauten nicht einmal besuchsweise nochmals anschauen wollen. Es wäre zu schmerzhaft gewesen. Eberhard von Puttkamers Eltern haben nach der Flucht gen Westen ihre Besitztümer aufgegeben, sie haben sich dann in der Bundesrepublik eingerichtet, als Demokraten, als Bürger von Stand.

Von den Hohenzollern kann man nicht sagen, dass sie ihr Schicksal angenommen hätten, weder nach dem Ersten noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Kaiser Wilhelm II. fuhr 1918 ins Exil nach Holland. Der kaiserliche »Hausrat«, 64 Eisenbahnwaggons, wurde in den darauffolgenden Jahren nach Wilhelms Ansitz in Huis Doorn geliefert, befüllt mit Kunstwerken von größtem Wert. Der Vertrag zwischen dem Haus Hohenzollern und dem preußischen Staat, der 1926 beschlossen wurde, sollte an sich festhalten, was den Hohenzollern gehöre und was im Besitz des Staates verbleibe. Leider ließ dieser Vertrag allerlei juristische Lücken.

Wilhelm II. (1859 bis 1941) beschäftigte sich in Holland gern damit, Holz zu hacken und seine Söhne anzustacheln. Die übernahmen in den 1920er- und 1930er-Jahren die Hackearbeit an der Zerstörung der deutschen Republik. Dem jetzigen Sprecher der Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen, sind etliche Darstellungen nicht genehm. Er hat seine Juristen schon gegen einige Journalisten und Historiker in Marsch gesetzt.

Wie die Hohenzollern sich aufführen und seit jeher aufgeführt haben, ist einem soeben publizierten, knackig-kurzen Buch zu entnehmen, das zwei Historiker von der Universität Utrecht und ein Kurator des Museums von Huis Doorn aus vorhandenem Schriftgut kompiliert haben (Jacco Pekelder, Joep Schenk, Cornelis van der Bas: »Der Kaiser und das ›Dritte Reich‹. Die Hohenzollern zwischen Restauration und Nationalsozialismus«. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Wallstein Verlag).

Ein Sohn des Kaisers, Prinz August Wilhelm (1887 bis 1949), war, salopp gesagt, ein lupenreiner Nazi: Er wurde 1948 vom Entnazifizierungsgericht des Internierungslagers Ludwigsburg als »Belasteter« eingestuft. Bei den heutigen Querelen spielt das allerdings keine Rolle, weil im Familienverband damals sein ältester Bruder Wilhelm Prinz von Preußen (1882 bis 1951) testamentarisch als Besitzer des Vermögens eingesetzt war. Um ihn und seine Haltung geht es heute.

Nach dem Untergang der Sowjetunion traten viele auf den Plan, die ihr früheres Eigentum in der DDR zurückwünschten. 1990 schon war festgelegt worden: Unter der Herrschaft der Sowjetunion bis 1949 in Ostdeutschland enteigneter Boden würde nicht zurückgegeben werden; Entschädigung könne es geben. Das gehörte zu den Punkten, auf denen Michail Gorbatschow, Generalsekratär der KPdSU, beharrte, als er um sein Plazet zur deutschen Einigung gebeten wurde. (Es gibt diesbezüglich andere Ansichten, die sind aber nicht ordentlich belegt.) 1994 verabschiedete die Bundesrepublik ein Gesetz, demzufolge alle jene, deren Habe unter der Herrschaft der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurde, in Geld entschädigt werden sollten, ausgenommen jene, die dem Nationalsozialismus »erheblichen Vorschub« leisteten.

Die Hohenzollern sitzen dem deutschen Staat im Nacken, seit Jahren. Die Frage ist: Hat der ehemalige Kronprinz Wilhelm dem Nationalsozialismus »erheblichen Vorschub« geleistet? Ob er ein Nazi war, spielt keine Rolle. Aber dass er mit den Nazis anbandelte, um die Monarchie wieder zu etablieren, kann nicht als Entschuldigung dienen. Entscheidend ist: Er war bedeutend in aller Welt; die Konservativen vertrauten ihm; wenn er im Ausland auftrat, repräsentierte er in ihrem Sinn das Deutsche Reich. Er ließ sich gern zusammen mit Nazibonzen fotografieren. Die NSDAP benutzte ihn als Botschafter und Werber – und das mit Erfolg. Am 27. August 1933 zum Beispiel, Hitler war seit Januar an der Macht, publizierte die »New York Times« einen Text von ihm unter dem Titel »Warum ist die Welt gegen uns?«

Zunächst beklagte der Kronprinz, dass »die Welt« auf einmal wieder auf die Kriegspropaganda des Ersten Weltkriegs gegen Deutschland zurückgefallen sei. Dann schrieb er (das Folgende ist hier so wörtlich wie möglich aus dem Englischen ins Deutsche zurückübersetzt, daher wird es ein langer Schachtelsatz): »Die Gründe dafür sind offensichtlich: Andere Länder befürchten, dass das deutsche Volk, seitdem es eine moralische und politische Erneuerung erlebt, wie sie derzeit unter der weitsichtigen und energischen Führerschaft des Volkskanzlers Adolf Hitler stattfindet, erfolgreich seinen Platz an der Sonne zurückgewinnen könne.« Im Weiteren verwahrte der Kronprinz sich dagegen, dass »die Gemeinschaft der Völker« schon wieder »mit aller Demagogie und einer Verleumdungskampagne die rassebewusste, deutsche Nation daran hindern will, den ihr zu Recht anstehenden Platz einzunehmen«. Wer will, mag diesen Worten von Kronprinz Wilhelm seine Geisteshaltung entnehmen. Einige Angehörige der CDU und CSU meinen gleichwohl, seine Nachfahren sollten volle Entschädigung erhalten.

Georg Friedrich Prinz von Preußen ist derjenige, der derzeit Kritiker beharkt, die irgendwie juristisch in Reichweite sind. Dem aufschlussreichen Buch aus dem Wallstein-Verlag, oben erwähnt, ist zu entnehmen, dass der Mann, der 1976 zur Welt kam, Erfahrung darin hat, sich von Anwälten vertreten zu lassen. Der Prinz musste ausführliche juristische Scharmützel um das Familienerbe bestreiten.

Bei einer Anhörung vor dem Kulturausschuss des Bundestags Anfang 2020 sagte Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: »Im Rahmen der Verhandlungen haben die betroffenen Einrichtungen in ihrem Verhandlungsangebot die Grenze dessen erreicht, was im allgemeinen öffentlichen Interesse vertretbar ist.« Auf Nachfrage fügte er an: Auf das »bis zum Äußersten gehende Angebot« der öffentlichen Einrichtungen sei »eine erhöhte Forderung« zurückgekommen, bei der die ursprünglichen Wünsche noch weiter ausgedehnt wurden.

Von Beruf ist Georg Friedrich Prinz von Preußen Unternehmer. In Sachen der Hohenzollern hält er sich möglicherweise für berufen. Eine Großmutter würde sagen: Der noch halbwegs junge Mann will sich beweisen. Der Beweis, dass die Geschichte sich anders ereignet hat, als er will, wird ihm nicht gelingen.


Spiegel.de, 09.03.2021
Dieser Text stammt aus „Post von Augstein“ – einer Kolumne auf Spiegel.de

 

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