Geld und Krieg, Folge 2

Kriege der Neuzeit wurden von Bürgern finanziert, die auf Profit setzten. Die Einführung von Papiergeld und papiernen Schuldverschreibungen machte es möglich. Der Historiker Stig Förster setzt überraschende Pointen: Das Finanzielle ist wichtiger, als man denken möchte.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Krieg kostet. Soldaten wollen bezahlt werden. Im 18. Jahrhundert fanden die Herrschenden die Kriegsfinanzierung mittels Münzverschlechterung zunehmend unbefriedigend. Das dauernde Einschmelzen und Verschneiden der Münzen mit minderwertigem Metall (siehe diese Kolumne vom 7. September) war mühsam und konnte der Nachkriegswirtschaft schaden. Geldscheine hingegen waren billig zu drucken und standen lediglich für das amtliche Versprechen, der Schein sei sein Geld schon wert. Die Einführung des Papiergeldes in Europa, sagt Stig Förster, dessen Buch zum Thema vermutlich in einem Jahr publiziert wird, „lief glatt vonstatten, wenn man eine einigermaßen funktionierende Finanzwirtschaft hatte, eine einigermaßen funktionierende Wirtschaft und – das ist entscheidend – Vertrauen“.
Nachdem Ludwig XIV. die französischen Staatsfinanzen ruiniert hatte, kam die Krone aus den Schulden nicht mehr heraus. Den Staatsbankrott vor Augen, war sie missmutig genötigt, 1789 die Generalstände einzuberufen, die neue Kredite bewilligen sollten – mit den bekannten Folgen. Um das Staatsdefizit zu beheben, gab die Nationalversammlung dann Assignaten aus, Schuldverschreibungen, die mittels der Einziehung der Kirchengüter später honoriert werden sollten. Die folgenden Revolutionskriege sorgten für einen Schuldenschnitt. Da war das Vertrauen der Franzosen erst einmal verflogen.
Großbritannien konnte auf die Ausbeutung seiner Kolonien bauen: Im Vereinigten Königreich verlief die Einführung des Papiergeldes reibungslos. Das Habsburgerreich wiederum hatte sich mit seinen Kriegen finanziell dermaßen übernommen, dass die Einwohner eher auf die Wiederkehr Christi setzten denn aufs Papiergeld.
Als Napoleons Truppen 1806 in Preußen einmarschierten, requirierten sie Vieh, Wagen und was sich sonst noch wegschleppen ließ. Dafür gab es einen Schein, gegen den die Besitzer sich in Paris den Gegenwert angeblich auszahlen lassen konnten. Einige Großbürger haben das später tatsächlich versucht. Sie beauftragten damit zum Beispiel das Frankfurter Bankhaus Oppenheim, das eine Filiale in Paris unterhielt. „So entstand das internationale Finanzgeschäft“, sagt Stig Förster.
Die Rothschilds wurden mächtig, weil sie in jeder großen europäischen Stadt Sprösslinge sitzen hatten: En famille, so die berechtigte Annahme, werde man einander schon nicht übers Ohr hauen.
Die Assignaten kamen im Ersten Weltkrieg wieder groß in Schwang, nur dass sie nun „Kriegsverschreibungen“ hießen. Viele Patrioten haben sich mit deren Zeichnung erfolgreich um ihr Barvermögen gebracht. 1916 ging dem Britischen Empire das Geld aus; ohne weitere Finanzhilfe hätte es um einen Waffenstillstand betteln müssen. Seine Goldreserven waren da längst schon an die USA verkauft, die Einkünfte aus den Kolonien an die USA überschrieben. Die Alliierten – Britannien, Frankreich und Italien – hatten sich bei den USA maßlos verschuldet. Auch deshalb, sagt Förster, habe die Regierung von Präsident Woodrow Wilson sich nach anfänglicher Unlust dann doch am Ersten Weltkrieg beteiligt.
Hätten die Alliierten den Krieg verloren, wäre es für die USA eine finanzielle Katastrophe gewesen. Also halfen amerikanische Soldaten den Sieg erkämpfen und damit die Begleichung der Schulden. Um den Krieg zu führen, hatte natürlich auch die russische Regierung Unsummen aufnehmen müssen. Die Lösung dieses Problems ergab sich quasi nebenbei: Man machte Revolution, erklärte sich für kommunistisch und allen westlichen Staatsformen überlegen, womit die Frage der Schuldentilgung im Rahmen guter internationaler Beziehungen sich erübrigt hatte.
Zwar hätte die deutsche Reichsführung sich auch gern bei den Westmächten verschuldet. Weil sie mit denen nun aber in Fehde lag, war das bedauerlicherweise nicht drin. Man musste sich das Geld von der eigenen Bevölkerung holen. Unter viel anregendem, völkischem Tamtam gaben die braven Deutschen ihr Erspartes. Nach dem Krieg hatten die Auflagen des Versailler Vertrags – von Militärs und Politikern ersonnen, die auf Rache aus waren – bizarre Folgen: So musste Deutschland Hunderte Lokomotiven umsonst an Frankreich abgeben. „Mehr Dumping“, so Förster, „geht nicht. Die französische Lokomotivenindustrie wurde damit kaputtgemacht.“ Seine Rolle als bedeutendster Handelspartner hat das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg verspielt.
Das brachte Unruhe in die Weltwirtschaft. Der Versailler Vertrag sah vor, Deutschland kleinzuhalten. Förster dazu: „Das hat dem Welthandel den Rest gegeben.“ Allenfalls ein mittelbarer Effekt des Versailler Knebelvertrags war übrigens die deutsche Hyperinflation von 1923. Die Regierung der Weimarer Republik ließ die Inflation kommen, weil der Staat sich damit der Verbindlichkeiten bei seiner Bevölkerung entledigen konnte. Das traf im Besonderen den Mittelstand – mit den bekannten nationalsozialistischen Folgen.
Hitlers Regierung, von 1939 an mit der Eroberung Europas und Russlands beschäftigt, war insofern besser dran als das Kaiserreich, als sie nötige Ressourcen aus unterworfenen Ländern bezog, oder aus furchtsamen, denen man mit Einmarsch drohen konnte. Aus Rumänien kam Erdöl, aus Schweden Eisenerz. Zur Schweiz unterhielt die NS-Führung exzellente Kontakte. Nach dem Krieg mussten die besten Diplomaten der Eidgenossenschaft sich den Mund fusselig reden, damit die USA die geplanten harten Sanktionen wegen der Kollaboration der Schweizer nicht umsetzten. Dies alles betrachtend, ist es erstaunlich, wie friedfertig europäische Staaten heute miteinander umgehen.

Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 21.09.2018 – Seite 14
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
%d Bloggern gefällt das: