Die Signora

Durch Zufall, den frühen Tod ihres Mannes, wurde die Fotografin Inge Feltrinelli Verlegerin. Sie war eine standhafte Frau und eine Salonlöwin erster Güte. Jetzt ist sie in Mailand gestorben.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Inge Feltrinelli war nicht bloß eine verehrte, mit vielen Orden behängte Verlegerin, nicht bloß eine wahre Salonlöwin; sie war auch ihren Freunden eine gute, treue Freundin. Hatte sie von dieser oder jenem länger nichts gehört, meldete sie sich – wie es denn gehe, ob man sie nicht bei Gelegenheit besuchen wolle. Sei es in ihrem eleganten Palazzo in Mailand, sei es in dem rustikalen Jagdhaus in der Steiermark, dem die vielen Geweihe ein muffig-zurückgewandtes Gepränge verleihen. Aber obwohl sie durchaus nicht ihrem Geschmack entsprechen, hat die Signora Feltrinelli die Geweihe hängen lassen. Das zeugte von ihrem dynastischen Sinn.

Nachdem ihr Ehemann, der linksradikale Verleger Giangiacomo Feltrinelli, sich 1972 beim Sabotageakt an einem Hochspannungsmast versehentlich in die Luft gesprengt hatte (oder bei dieser Gelegenheit ermordet wurde – nichts Genaues weiß man nicht), war sie die Repräsentantin der Familie, und da die Geweihe mit dem Namen Feltrinelli imprägniert waren, standen sie unter Schutz. Außerdem waren Entfernen, Wegnehmen, Wegstellen Inge Feltrinellis Sache nicht. Sie gab und setzte lieber hinzu. Vertreter des Bauhausstils hätte sie, wenn nicht in eine Depression, so auf jeden Fall in amüsiert-resignierten Fatalismus getrieben. Nicht das Geringste anfangen konnte sie mit der Philosophie des „weniger ist mehr“.

Vielmehr folgte sie auch als Gastgeberin dem fidelen Motto: Von allem muss immer genug da sein. In den Sommermonaten lud sie ein auf ihr herrliches Anwesen im Piemont, wo ein verspielter Adeliger im 17. Jahrhundert errichten ließ, was an ein potemkinsches Schloss erinnert. Von dem großen terrassierten Garten aus gesehen gibt es sich, als würde ein ganzer Hofstaat hinter den barocken Mauern logieren können. Tatsächlich aber wäre die Schlossvilla schon mit einer kinderreichen Familie überfordert: Die Fassade zieht sich zwar über fast die gesamte Breite des Gartens, im Inneren indes stößt man nach wenigen Metern auf die hintere Außenmauer. Der imposante architektonische Auftritt ist, wie auch Inge Feltrinelli war: spektakulär, überwältigend präsent, doch im Kern auf schöne Weise maßvoll.

Beides, praktisches Denken und den unvermittelt aufblitzenden Sinn für Bescheidenheit, erwarb Inge Schönthal in ihrer Kindheit. Geboren wurde sie 1930 in Essen. Vom Vater, einem Juden, hat sie nicht viel gehabt. 1938, sie war noch keine acht Jahre alt, trennte ihre Mutter sich von Siegfried Schönthal und brachte es zuwege, dass er sicher in die Niederlande emigrieren konnte, von wo er später in die Vereinigten Staaten ging. In Göttingen überstand Inge mit der Mutter und deren neuem Mann den Krieg und die Entbehrungen der Nachkriegszeit. Von Hunger hat sie nicht berichtet, wohl aber davon, dass sie als junges Mädchen trotz notorischen Geldmangels ziemlich flott angezogen gewesen sei. Aus altem Gardinenstoff hatte die Mutter ihr Kleider genäht. Lapidar und uneitel beschrieb die Tochter sich einmal so: „Ich war nicht hübsch, aber niedlich“ – und lebenshungrig.

Die Bilder, die Inge Schönthal, inzwischen junge Fotografin, im Auftrag des Rowohlt Verlags 1953 auf Kuba von Ernest Hemingway schoss, waren ein Ereignis. In Hamburg, wo sie mittlerweile wohnte, hielt die gebildete Gesellschaft es nicht für pietätlos, dass sich unter den Fotos eines befand, auf dem Hemingway zu sehen ist, wie er parterre hingefläzt einen Rausch ausschlief: „Das waren doch alles Säufer“, hat sie dazu gesagt, „die freuten sich, wenn sie noch einen fanden.“ Inge Schönthal war nun angesehen, eine gesuchte Fotografin. Sie traf Giangiacomo Feltrinelli, den spendablen Mäzen der Kommunistischen Partei Italiens, und nahm seinen Heiratsantrag ohne viel Federlesens an. Mit Charme und Klugheit hat die in Mailand zunächst als hergelaufene Deutsche abgetane junge Frau es im Lauf der Jahre dazu gebracht, dass die übliche Bezeichnung für die Frau des Hauses, „la Signora“, auf sie gemünzt, wie ein Adelstitel klang.

Nachdem der Gatte sich von Inge zugunsten eines Mädchens hatte scheiden lassen, seine eigene Klugheit aufgegeben und sein Leben in Gesellschaft eines Hochspannungsmastes drangegeben hatte, stürzten sich allerlei mehr oder weniger übelmeinende Leute auf sein monetäres und verlegerisches Erbe. Die deutsche Ex-Frau, so meinten sie, werde wohl nicht im Wege stehen. Was diese nun unternahm, ist von altrömischer Qualität. Ihrem Mann hatte sie einen Sohn geboren. Carlo war beim Tod des Vaters zwar schon zehn Jahre alt, und seine Mutter ist von eher kleiner Statur – dessen ungeachtet, hat ihr guter Freund, der Verleger Klaus Wagenbach, was sich nun zutrug, wie folgt geschildert. Inge habe das Kind auf den Armen mit sich getragen und einem jeden vorgezeigt, der sich ihr entgegenstellte: Schaut ihn an, den Sohn von Giangiacomo, meinen Sohn! Der Verlag ist sein Verlag, dieses Haus ist sein Haus! Den einen oder anderen guten Juristen dürfte die Signora zudem an der Hand gehabt haben. Und so gelang es ihr, das Vermögen und den Verlag für sich und Carlo zu retten.

Kaum war dies getan, musste sie sich um die Finanzen kümmern. Im Lauf der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre war das Publikum der ewigen linkspolitischen Schriften zunehmend überdrüssig. Eine Villa wurde verkauft, das Programm umgestellt. Gleichzeitig war Inge Feltrinelli rastlos dabei, das Netz der Buchhandlungen mit dem großen F zu vergrößern. Darauf war sie stolz. Auch als Carlo das operative Geschäft längst übernommen hatte, hätte sie im Schlaf hersagen können, wo zuletzt neue Läden eröffnet worden waren. Noch im hohen Alter – und mochten ihr auch die Glieder wehtun – sah sie es als ihre Aufgabe, bei jeder Neueröffnung Hof zu halten.

Inge Feltrinelli hat nicht lektoriert, sie hat repräsentiert. Statt um die Ausstattung der Bücher hat sie sich um die Ausstattung ihrer Autoren gekümmert. Bei ihr erhielten sie Zuspruch und im Übrigen, wonach ihnen das Herz stand: Unterhaltung oder selige Ungestörtheit, Brot oder Braten, und was Getränke angeht: alles. Als ein frischgebackener Hausbesitzer sie mit überschwänglicher Freude in sein Gästezimmer einlud, antwortete sie: „Gibt es darin auch eine Minibar?“

Ihr Wesen hat Klaus Wagenbach einmal in einem einzigen Satz zusammengefasst: „Inge ist ein Schmetterling.“ Alles meinte er damit: ihre fröhlich-farbige Garderobe, die heitere Art, mit der sie ihre Gäste umsorgte, ihr plötzlich aufflatterndes Interesse, das sich unvermittelt und scheinbar anlasslos wieder setzte, ihre naturgegebene Unfähigkeit, über früherem Ungemach und unwiederbringlichen Freuden zu brüten. Gebrüstet hat sie sich nur mit ihrem Sohn und mit ihren Autoren, nicht mit ihren Erfolgen. Wie ein Schmetterling und wie nur wenige Menschen es vermögen, lebte sie vor allem in der Gegenwart. Und der gewann sie nur das Beste ab. Wenn sie nicht jammerte, so weniger aus Selbstdisziplin, sondern weil sie andere und vor allem sich selbst nicht anöden wollte. Als es ihr eines Sommers gar nicht gut ging, antwortete sie sehr knapp auf eine Mail. Der erste Satz galt einem verstorbenen Freund. Der zweite Satz lautete bloß: „Es ist zu heiß.“

Jahrzehntelang lebte sie mit Tomás Maldonado zusammen, dem aus Argentinien stammenden Künstler und Protagonisten der „Design Theorie“, der an der Hochschule für Gestaltung in Ulm gelehrt hat. Ihr Sohn Carlo, der alles Flatterhafte seiner Mutter überließ, fand in Maldonado einen bedächtigen älteren Gefährten. Inge Feltrinelli war es zufrieden. Außerdem war sie im Zweifelsfall sowieso wieder einmal auf dem Sprung zur Neueröffnung einer weiteren Buchhandlung des fabelhaften, von Konzernen unabhängigen Verlagshauses Feltrinelli. An diesem Donnerstag ist Inge Feltrinelli, die Freundin und Verlegerin, im Alter von 87 Jahren in Mailand gestorben.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 21.09.2018 – Seite 11
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