Geld und Krieg

Der Krieg mag der Vater aller Dinge sein. Welche Seite siegt, ist freilich meistens eine Frage der Finanzen. Der Historiker Stig Förster gibt einen Einblick in die Arbeit an seinem Opus magnum: die deutsche Militärgeschichte seit der Frühen Neuzeit.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Im dritten Jahrtausend der Zeitrechnung beschleicht viele Zeitgenossen ein mulmiges Gefühl, wenn Angehörige einer führenden westlichen Großmacht erklären, im Namen von Freiheit und Demokratie sei wohl wieder einmal ein ausführliches Bombardement fällig. Zu allen Risiken, die militärische Eskapaden mit sich bringen, gesellt sich die Vermutung, aus Sicht dieser Leute könne das auch deshalb nicht schaden, weil damit der heimischen Waffenindustrie, die mit Wahlkampfspenden nicht knausert, auf die Sprünge geholfen wird.

In früheren Jahrhunderten mussten die Menschen in Kriegszeiten alles fürchten, aber nicht den Einfluss von Rüstungsunternehmen auf den Kriegsausbruch. Den Beginn des Dreißigjährigen Krieges zum Beispiel konnten die damaligen Kriegsunternehmer nicht per Spende begünstigen. Stattdessen warteten sie darauf, ihre Söldner und auch Geld an die Fürsten zu verleihen. Dafür nahmen sie bis zu 270 Prozent Zinsen per annum. Andere, die von Kriegen prächtig profitierten, waren Bankiers.

Das Thema „Geld und Krieg“ ist bodenlos. Tief im blutigen Matsch stöbert der Historiker Stig Förster. An sich ein friedliebendes Gemüt, hat er sich frühzeitig auf die Militärgeschichte samt ihren sozialhistorischen Aspekten kapriziert. An einer Darstellung deutscher Kriege von der Frühen Neuzeit bis heute arbeitet der mittlerweile emeritierte Förster.

Heutzutage gelten Söldner als brutale Lumpen. Nach ihren menschenverachtenden Einsätzen in der Folge von Bushs Irak-Krieg 2003 sah die Firma Blackwater sich genötigt, den Namen zu wechseln.

Vor fünfhundert Jahren war das anders: Zwar mordeten und vergewaltigten auch die damaligen Söldner, aber sie hatten einen Ruf als freie, mutige Männer. Den herrschenden Kleiderordnungen waren sie nicht unterworfen, weshalb sie in Seidenkostümen und federgeschmückt in die Schlacht zogen. Ihre pluderigen Gewänder sahen zwar fesch aus, waren aber bei Kälte und Regen scheußlich unpraktisch. Die Kostümierung hatten sie sich von den Schweizer Reisläufern abgeschaut, die als Söldner schon lange unterwegs waren. Merke: Das mittelhochdeutsche „Reise“ bezeichnete einen Feldzug. Erst der heutige Massentourismus, da Tausende Kreuzfahrtschiffstouristen in eben noch friedvoll-lauschige Städte einfallen, erinnert an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes.

Feuerwaffen gab es zwar im 16. Jahrhundert, doch konnte man selbst mit den avancierten Musketen nicht gut zielen. Neben Pfeil und Bogen waren bis zu fünf Meter lange Spieße die Waffen der Wahl. Das aus Letzterem sich bei Schlachten ergebende „Männerballett“ stellte höchste choreografische Anforderungen an die Infanterie, zumal bei Begegnungen mit feindlicher Kavallerie: Alle gleichzeitig mussten im richtigen Moment die Lanzen senken. Erschwerend kam hinzu, dass die Männer unterschiedliche Mundarten sprachen. Verglichen damit, sind die Verständigungsschwierigkeiten bei der internationalen Mission ISAF in Afghanistan belanglos. Die frühneuzeitlichen Söldner, so sie die jüngste sommerliche Kampagne überlebt hatten, standen vor einem Problem: Im Herbst – keine Saison für Kriege – wurden die meisten entlassen und konnten zusehen, wie sie über den Winter kamen. Dann holten sie von den Bauern, was noch nicht gestohlen war.

Mitunter genügte das nicht. So kam es 1527 zum berühmten Sacco di Roma. Frankreich, Spanien, der Vatikan und das Habsburger-Reich stritten um die Vorherrschaft in Oberitalien. Die Habsburgischen Truppen, Söldner des Kriegsunternehmers Georg von Frundsberg, hatten sich gut geschlagen. Weil der Sold aber ausblieb, begannen sie zu meutern. Sie beschlossen: „der Papst ist schuld“, zogen gegen Rom, das unverteidigt war (Clemens VII, sparsam, hatte seine Truppen bereits entlassen), plünderten die Stadt und pressten dem Papst Lösegeld ab. So kann es kommen. Kein Wunder, dass die Fürsten begannen, sich für stehende Heere zu begeistern.

Söldner wurden mit Münzen bezahlt. Weil Geld zu Kriegszeiten die fatale Neigung hat, knapp zu werden, verfielen die Fürsten auf ein anfangs genial scheinendes Mittel: Sie ließen neue Münzen prägen, deren Silberanteil aber zugunsten von Blei und Zinn reduziert war. Während des Dreißigjährigen Kriegs betrieb Wallenstein – ein Kriegsunternehmer, der nicht bloß den Kaiser bediente, sondern gern auch auf eigene Faust Plünderungszüge anberaumte – die Münzverschlechterung in ganz großem Stil. „Das war“, sagt Stig Förster, „nichts anderes als Inflation.“ Der wirtschaftliche Schaden war immens: „Irgendeiner musste ja dafür aufkommen, das waren die Unterschichten. Die konnten sich nicht mehr ernähren, weil ihre Münzen nichts mehr wert waren.“ Natürlich wurden auch die kaiserlichen Truppen mit dem schlechten Geld bezahlt. Der Betrug, einmal erkannt, schuf Unmut und große ökonomische Unsicherheit.

Den Unfug der groß angelegten Münzverschlechterung hat dann erst Friedrich der Große im 18. Jahrhundert wieder angekurbelt. Allerdings hat der gewitzte Monarch dieses Geld nach seinen Kriegszügen wieder eingesammelt und – das war die damalige Art der Währungsreform – neue Münzen ausgegeben, was die Wirtschaft stabilisierte.

Für die nationale Souveränität und auch um der Inflation in Europa vorzubeugen, sind der CSU-Politiker Peter Gauweiler und Gleichgesinnte gegen den Euro-Rettungsschirm zu Feld gezogen. Zu Wallensteins Zeiten verkürzte Mord viele politische Prozesse. Für Gauweiler war es enttäuschend genug, dass seine Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg alle abgeschmettert wurden.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 07.09.2018, Seite 16
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung

 

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