Das Geheimnis der Tulpen

Abschied vom Empire: Die „Old Filth“-Trilogie der Kipling-Verehrerin Jane Gardam erscheint nun auch auf Deutsch

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Welches sind die hundert größten britischen Romane aller Zeiten?, hat die BBC vor Kurzem 81 Literaturkritiker in aller Welt gefragt. Nur Briten wurden ausgelassen. Jane Gardams „Ein untadeliger Mann“ figuriert in dieser Liste auf Platz 71. Ihr deutscher Verlag hat Grund zur Freude und ihre deutschen Leser auch. „Ein untadeliger Mann“ erschien im Original 2004 unter dem Titel „Old Filth“. In diesem Sommer wurde der Roman in deutscher Übersetzung publiziert, als zweites ihrer fast vierzig Bücher. Das erste erschien in den Neunzigerjahren in einem Verlag, der für gewöhnlich um ehrlich gute Literatur einen Bogen macht; damals ging das Buch denn auch sang- und klanglos unter. Dabei ist Jane Gardam eine großartige Erzählerin. Völlig unerklärlich ist, warum sie erst jetzt für Deutschland entdeckt wurde.

Jane Gardams Geschichten-Fundus ist das vor wenigen Jahrzehnten untergegangene Britische Empire. Sie zeigt, wie das Leben britischer Kolonialfamilien in Hongkong, in Singapur, in Malaysia sich abspielte. Das gibt ihren Büchern das Flair von Action und Exotik. Im Übrigen kann sie sich hineinfühlen in ganz alte Leute und in ganz junge. Weil sie selbst – 1928 kam sie zur Welt – das Empire und das „alte England“ noch miterlebt hat, versteht sie es, die Haltung von Kolonial-Funktionären mit einfühlendem Witz zu schildern. Seit Jahrzehnten im Schreiben geübt, hat sie sich die Könnerschaft erworben, Zeitebenen zu wechseln, ohne ihre Leser zu verwirren. Im Gegenteil: Das macht ihr Buch lebhaft, auch damit betört sie ihre Leser.

Edward Feathers erblickt das Licht der Welt in Malaysia, in den Zwanzigerjahren. Seine Mutter stirbt bei der Geburt; sein Vater hat sich vom Ersten Weltkrieg nicht erholt und für den Sohn, wie es aussieht, nichts übrig. Er zahlt für ihn. Edward wächst im Schlamm spielend auf, mit malaysischen Kindern, die als „Eingeborene“ gelten und sich vor dem Essen nicht die Hände waschen. Als er schulreif ist, wird er nach England expediert. Dort gehen fürchterliche Dinge vor sich, die erst am Ende des Romans enthüllt werden.

Der junge Edward, geprügelt und gestählt, bringt es nicht zu einer Karriere in London. Er schafft es zurück nach Fernost, als Rechtsanwalt, spezialisiert aufs Baugewerbe. Er nennt sich Filth, das ist ein Akronym für: „Failed in London Try Hongkong.“ (In London nichts geworden: probier’s in Hongkong.) Filth wird reich. Er heiratet Betty. Beide sind in dem britischen Territorium zu Hause, viele Jahre lang. Aber dann, 1997, wird Hongkong an China zurückgegeben. Wenige Jahre später ist das Ehepaar nach England übersiedelt. Betty will im Garten Tulpenzwiebeln einpflanzen. Dann kippt sie tot um.

Übrig bleiben Filth, seine Trauer und seine Ranküne: „Filth hatte es nicht so mit Blumen. Er fand sie nichtssagend, manchmal sogar feindselig. Die Tulpen waren es, dachte er, die Betty erwischt haben.“ Was er nicht weiß: Unter den Tulpen hat Betty ihr großes Geheimnis verborgen.

Wie es in ländlich-idyllischen englischen Gegenden aussieht, wissen viele von der Kriminalserie „Inspector Barnaby“. Die Serie hat vor allem deshalb Erfolg, weil sie die Nostalgie der Zuschauer anspricht – auch jener, die englische Dörfer gar nicht kennen. Jane Gardam beschreibt genau so eine ländliche Szenerie, aber sie macht alles ironisch kaputt: Aus der Sicht ihrer Figuren können Blumen böse sein.

Filth, der wie ein Waisenkind großgezogen wurde, erst in Malaysia, dann in England, fühlt sich hingezogen nach Fernost: „Sein ganzes Leben lang hatte er chinesische Werte hochgehalten: die Höflichkeit, die plötzlichen Seitenhiebe, die unbedingte Gastfreundschaft, die Freude am Geld, die Schicklichkeit, die Wertschätzung des Essens, die Diskretion, die Cleverness.“

Jane Gardam verehrt Rudyard Kipling, der heute, ungeachtet seines guten Stils, zur intellektuellen Nachhut des britischen Imperialismus gezählt wird. Freilich, Gardam begann ihre Autorentätigkeit mit Kinderbüchern, Kiplings „Dschungelbuch“ dürfte sie viel gelehrt haben.

In seiner Geschichte und seinem Charakter ist Filth gefangen. Zu seinen Zeiten in Hongkong galt der Rechtsanwalt und Richter als untadeliger Gentleman. Aber die Kollegen fragten sich, warum er Terry Veneering so schlecht behandelte. Veneering ist ein Aufsteiger und Angeber, zu überzogen angezogen, zu laut. Das störte Filth. Darüber kam er nicht hinweg. Wie es der Zufall will (es gibt sehr wenige „Zufälle“ in diesem Roman), zieht es Terry Veneering nach England, wo er sich unmittelbar neben dem Anwesen von Filth niederlässt.

Der Roman hat viele Schlüsselmomente, einer davon ist buchstäblich zu verstehen: Nacht liegt über der Erde. Es schneit. Filth, in Hausschuhen und ohne Mantel, sperrt sich versehentlich aus seinem eigenen Haus aus: Nun muss er rüberlaufen zu Terry Veneering. Siehe da (ein zweiter Zufall): Der verhasste Berufskollege hat das alte Nachbarhaus samt Ersatzschlüssel für Filths Haus erworben. Filth entgeht also sowohl einer Lungenentzündung als auch der Beschämung, Veneering um ein Nachtquartier bitten zu müssen. Von da an spielen die beiden zusammen Schach und haben gute, tiefe, auch schmerzhafte Unterhaltungen. Und dann verliert sich die Figur Veneering im Fluss der Ereignisse.

Wir erleben, wie es Filth in seiner Kindheit erging und was weiterhin geschah, während des Zweiten Weltkriegs in Europa und anschließend in Hongkong. Alle Menschen, die Jane Gardam schildert, kommen bei ihr zum Leben, von jedem Einzelnen möchte man mehr erfahren. Genau dies hatte die Autorin sich erhofft. Sie schrieb eine Trilogie. Das erste Buch, „Ein untadeliger Mann“, gibt es nun auch auf Deutsch. Zwei weitere sind auf Englisch schon publiziert worden. Das eine handelt von Filths Ehefrau Betty, das andere von ihrem Geliebten Terry Veneering.

Im kommenden Frühjahr erscheint das zweite Buch der Trilogie, „Eine treue Frau“, wie dieser Auftaktband von Isabel Bogdan ins Deutsche gebracht. Das ist ein Glück, ihre Übersetzung liest sich so, als hätte Jane Gardam ihre Geschichte vom Schicksal einiger Menschen im untergehenden britischen Weltreich auf Deutsch verfasst.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 28.12.2015 – Seite 14
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