Regen, Bier und noch mehr Bier

Raffinierter Anverwandler: Der irische Schriftsteller John Banville wird siebzig Jahre alt

VON FRANZISKA AUGSTEIN

John Banville kennt den britischen Humor sehr gut. Er weiß, wie man Umstehende amüsiert, indem man sich selbst schlechter macht, als man ist. Als Ire und Absolvent der Christian Brother’s School im südirischen Wexford kennt er auch den Katholizismus sehr gut. 1969, lange nach Banvilles Zeit, durfte erstmals eine Frau dort Lehrerin werden; 1972 wurde eine Turnhalle eröffnet. Vom Katholizismus hat Banville sich insofern entfernt, als er ihn nicht pflegt, sondern literarisch auslegt. Außerdem hatte er Gehülfen von Auswärts: Von russischen Schriftstellern, Dostojewski vorneweg, hat Banville eine Menge gelernt – soviel, dass er animiert sagen kann, seine Romane handelten eigentlich von nichts.

Banvilles Bücher befassen sich mit der inneren Verfassung der Protagonisten. Wenn ein Protestant so etwas beginnt, kann das einen großartigen, wenngleich langweiligen Roman ergeben. Katholiken, welche bekanntlich im Schutz des Bilderreichtums leben, der dem Katholizismus eigen ist, haben da schon ganz andere Möglichkeiten. Die Kenntnis mehrerer Sprachen ist hilfreich. Fremde Wörter sind wie Bilder. Banville gilt als polyglott. Diverse literarische Gattungen hat er zur Freude seines Publikums parodiert. Seine historischen Romane handeln von Irland zur Zeit der Kartoffelfäule im 19. Jahrhundert, als halb Irland verhungerte oder auswanderte; sie handeln von Kopernikus und Newton und davon, wie das, was Wissenschaftler für Wahrheit halten, sich auflöst, je länger sie nachdenken.

Mittlerweile wurde John Banville mit mindestens fünfzehn Preisen ausgezeichnet. Welcher von allen ihn am meisten freute, der Allied Irish Banks Prize von 1973 oder der hochangesehene und noch besser dotierte Prinz-von-Asturien-Preis von 2014, ist nicht überliefert. Die Kritiker nennen am liebsten den Man Booker Prize, den wichtigen britischen Literaturpreis. Ihn erhielt John Banville im Jahr 2005 für seinen Roman „The Sea“, dessen Titel wie die meisten von Banvilles Titeln angenehm geringe Anforderungen an die Übersetzer stellte.

„Die See“ handelt von einem alternden Kunsthändler namens Max Morden (andere Protagonisten Banvilles stehen namentlich dem lieben Gott nahe): So wie Elefanten zum Sterben bestimmte Plätze aufsuchen, kehrt Morden an die Gestade seiner Kindheit zurück. Die liegen natürlich in Irland. In ihrer Rezension fand die Frankfurter Rundschau seinerzeit zu einem klugen Satz, der mit Banvilles eigener Diktion ziemlich wenig zu tun hat: „Die verschiedenen Zeitebenen des Romans fügen sich zu einem nahtlosen Erzählfluss, der von raffiniert verschränkten Motiven orchestriert wird.“

Möglicherweise weil sein Vater in einer Autowerkstatt arbeitete, während seine Mutter mit wenig Haushaltsgeld drei Kinder großzog, hat Banville auch als Schriftsteller ein Auge darauf gehabt, dem praktischen Leben und dem Gelderwerb nicht abhanden zu kommen. Von 1988 bis 1999 arbeitete er als Literaturredakteur bei der Irish Times. Selbst in den späten Neunzigerjahren war der Redakteur Banville am Telefon zuvorkommend, ja nett – und das, obgleich er schon ein bekannter Schriftsteller war, der ziemlich gut verdiente. Er folgte nicht der Devise des Mannes in einem berühmten Cartoon des New Yorker, der einen Gruß zurückweist mit den Worten: „Ich bin auf dem Weg von der Wiege zur Bahre und kann mich nicht mit Höflichkeiten aufhalten.“

Nachdem Banville seine Stelle bei der Irish Times aufgegeben hatte, merkte er, dass er als Autor der Literatur, wie er sie liebt, noch nicht ganz ausgelastet war. Vielleicht wollte er am Schreibtisch auch einfach mal wieder nur Spaß haben. Seit 2007 hat er unter dem Pseudonym Benjamin Black Kriminalromane verfasst. Der Name Black ist Programm. Ein Schwarzseher ist Banvilles Pathologe Quirke denn auch allerweil, wobei man wissen muss, dass das englische Wort „quirky“ in den Lexika mit „sonderbar, verschroben“ übersetzt wird. Sieben Quirke-Romane hat Banville inzwischen geschrieben, dazu zur Abwechslung den Philip-Marlowe-Roman „The black-eyed Blonde“ (2014, dt. „Die Blonde mit den schwarzen Augen“, 2015).

Ganz so geistreich-verschrobene Namen wie die Personen in den Romanen von Thomas Mann tragen Banvilles Hauptfiguren nicht. Das macht aber nichts. John Banville ist ein Ire, der sich auf die landestypische Folklore (Regen, Pubs, Bier, matschige Wiesen, Depressionen, noch mehr Bier) nur insofern eingelassen hat, als er ihr qua Herkunft nicht ganz entkommen konnte. Seine Kunstfertigkeit aber liegt darin, das Überkommene zu verwandeln. An diesem Dienstag wird er siebzig Jahre alt. Von schwarzen Augen und schwarzsehenden Pathologen möge John Banville noch lange weiter schreiben.

Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 08.12.2015 – Seite 14
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