40 Tage Qua­ran­täne

Die Ausbreitung des Coronavirus stellt die globalisierte Wirtschaft auf die Probe. Wie lange kann sie lahmgelegt werden, bevor der Stillstand den Menschen mehr Unglück bringt als das Virus? Auf diese Frage hat der Kapitalismus keine Antwort.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Viel wird spekuliert, woher das Coronavirus komme. Schuldige suchen: Es liegt in der menschlichen Natur. Wahrscheinlich ist, dass irgendein exotisches Tier in China, wo viele Seltenes jeder Art gern essen, weil es unter anderem der Manneskraft zuträglich sein soll, diesen Virus auf einen Menschen übertragen hat. Anstatt sich vordringlich mit der Bekämpfung der Krankheit zu befassen, hat Donald Trump China beschimpft. Vonseiten Pekings wurde postwendend zurückgenörgelt: Amerikanische Soldaten hätten das Virus auf militärische Stützpunkte in Südostasien getragen.

Tatsächlich waren es Soldaten, deutsche Soldaten, die 1629 mit Flöhen im Pelz die Pest nach Italien brachten. Norditalien war durchseucht, dann machte die Epidemie für eine Weile halt: Über die Gebirgszüge des Apennin kletterten Menschen und Flöhe nicht ohne Weiteres. Das gab den Stadtvätern von Florenz die Zeit, ihr Gemeinwesen zu wappnen. Sie verhängten eine totale Ausgangssperre für fast alle. Sie organisierten die Lieferung von Lebensmitteln. Priester durften in den Straßen den Gläubigen, die sich aus den Fenstern lehnten, Segen spenden. Wer ohne Erlaubnis das Haus verließ, kam ins Gefängnis. Am Ende waren zwölf Prozent der Florentiner an der Pest gestorben, viel weniger als in anderen Städten.

Die Pest in Florenz konnte eingedämmt werden, weil damals nicht so viel gereist wurde wie heute. Der Shutdown der florentinischen Wirtschaft währte 40 Tage. 40 Jahre lang lief in der Bibel das Volk Israel durch die ägyptische Wüste ins Gelobte Land, daher vermutlich die Terminierung. Heute, wie damals in Florenz, kommt in Italien ins Gefängnis, wer ohne Legitimation auf die Straße geht. Die prozentuale Rate der Toten wird glücklicherweise die damals sagenhaft niedrigen zwölf Prozent in Florenz nirgends erreichen. Das Wirtschaftsgeschehen weltweit liegt derzeit ziemlich platt. Mit vierzig Tagen freilich werden die Regierenden sich vermutlich nicht bescheiden. Das ist schlimm für die Wirtschaft.

Die Stadtväter von Florenz wussten im 17. Jahrhundert nicht, woher die Pest kam; so weit war die Medizin damals noch nicht. Was sie aber wussten: Arme Menschen waren besonders anfällig. Deshalb trugen sie Sorge, dass auch arme Menschen mit Lebensmitteln versorgt wurden. Und wie sieht das heute aus, global gesehen?

Es mag für Deutsche im Home-Office nervtötend sein, dass sie ihre kleinen Kinder besser kennenlernen, als sie lustig finden. Anderswo sieht es aber schlimmer aus. So zum Beispiel: Viele deutsche und österreichische Gaststätten und Hotels in der Nähe von Tschechien, Slowenien und der Slowakei beschäftigen Leute von dort, diese Menschen sind nicht angestellt, sondern „freischaffend“. Jetzt sind Gaststätten und Hotels geschlossen. Ein Hotelier sagte, es tue ihm furchtbar leid, aber mehr als einen weiteren Monat Lohn könne er nicht zahlen, seitdem sein Haus zumachen musste: Von dem Geld, das seine Leute bei ihm verdienten, würden viele ihre ganze Familie ernähren. Wenn er könnte, der Hotelier würde gern länger den Lohn zahlen, aber er kann nicht.

Der deutsche Staat will Milliarden ausgeben, um die Wirtschaft zu unterstützen. Das Geld wird bei großen Unternehmen schnell ankommen. Diesbezüglich ziehen die deutschen Konzerne und die Gewerkschaften an einem Strang. Das Zimmermädchen aus Tschechien, das in einem deutschen Hotel gearbeitet hat: Die Frau muss sehen, wo sie ihr Brot herbekommt. In Asien und Afrika ist alles noch viel schlimmer. Viele, die nicht mehr arbeiten dürfen, weil es keine Arbeit gibt, werden hungern. Bekanntlich ist Hunger ganz schlecht für das Immunsystem. Es bleiben abzuwarten die Studien, denen zu entnehmen sein wird, wie grauenhaft nicht das Virus, sondern Mangel an bezahlter Arbeit den Menschen zusetzt.

Der Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel gehört zu jenen, die frühzeitig, nämlich Anfang Februar, gesagt haben: Da, schaut einmal her, was die Globalisierung gebracht hat! Das Zauberwort ist „Lieferketten“. Es gibt keine Atemschutzmasken, es gibt keine Autozubehörteile, es gibt vieles nicht mehr, was in weiter Ferne produziert wird. Hickels Argument: Klüger wäre gewesen, nicht aus Sucht nach billigen Arbeitern alle mögliche Produktion in ferne Länder zu verlagern, sondern stattdessen die Produktion in Europa vonstatten gehen zu lassen: unter annehmbaren Verhältnissen für die Arbeiter. Etliche grundsolide, auf Profit erpichte Kapitalisten sind mittlerweile auch dieser Ansicht.

Die Florentiner des 17. Jahrhunderts wussten nicht, dass ihr wirtschaftliches System eines Tages „Kapitalismus“ genannt werden würde. Heute ist klar: Der Kapitalismus ist die Lebensform der Wirtschaft. Kapitalismus heißt: Religion und andere Werte zählen nicht. Es kommt darauf an, viel Geld zu haben, und wenn man es hat, will man es vermehren. Geld ist – mit Karl Marx gesagt – ein Fetisch. Praktisch und mit Bertolt Brecht gesagt: „Geld macht sinnlich.“ Nicht zufällig hat seit ungefähr zwanzig Jahren der Finanzkapitalismus Oberwasser, der Kasino-Kapitalismus, bei dem virtuelles Geld per Computer auf Derivate gesetzt wird, von denen auch Experten nicht wissen, was da alles an Anleihen, Krediten und weiteren Derivaten reingeschaufelt ist. Das rein virtuelle Geld kreist und kreist. Auch das ist die Wirtschaft.

Heute wird gesagt: Die Corona-Epidemie werde alle Mores lehren, werde die besitzgierigen Menschen zur Besinnung bringen. Derlei Hoffnungen zu hegen ist sinnlos, sie würden enttäuscht werden. Zu hoffen ist aber: 40 Tage Quarantäne sind genug, wir sind nicht schlauer als die Florentiner des 17. Jahrhunderts.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 27.03.2020, Seite 18
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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