Das andere Ostern

Klimawandel, Umweltkatastrophen: Die Menschen sind dabei, sich selbst auszurotten. Was die Welt zu ihrer Auferstehung braucht: das Mittun jedes Einzelnen.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Der 21. April ist ein bedeutsames Datum. Dies nicht deshalb, weil der Tag heuer auf den Ostersonntag fällt, sondern weil der 21. April 2017 der erste Tag war, an dem in Großbritannien keine Kohle mehr zur Energiegewinnung gebraucht wurde.

Das entnehmen wir einem Buch von dem über Land und Wiese predigenden Astrophysiker Harald Lesch (Harald Lesch, Klaus Kamphausen: Wenn nicht jetzt, wann dann? Penguin Press, 2018). Lesch hat eine eigene Fernsehsendung. Er ist sehr bekannt. Aber was er sagt ist wichtig genug, dass es weitere Verbreitung brauchen kann.

Was Großbritannien angeht: Dem Land ging es seit dem Zweiten Weltkrieg nie besonders gut. Normale Arbeiter hatten das Nachsehen, seitdem Margaret Thatcher in den 1980er-Jahren beschlossen hatte, die industrielle Produktion runterzufahren und stattdessen London als Finanzplatz auszubauen. Letzteres hat funktioniert. Damit einher ging die Abwertung aller Arbeit, die man mit den Händen ausführt – wenn man einmal absieht vom Tippen auf Tastaturen oder Händeln mit dem Telefon, womit x Millionen Pfund oder Dollar oder Euro von hier nach dort verschoben werden.

Was ist Populismus? Populismus ist, wenn man die Leute direkt anspricht, wenn man sie in ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen bestätigt. Es gibt zwei Sorten Populismus. Die eine besteht darin, Ängste hochzufahren, Ärger zu erwecken: Alle Politiker sind Gangster, zum Beispiel. Die andere Sorte Populismus gibt es aber auch: Sie wird ausgeführt von Leuten, die den Menschen Hoffnung machen wollen, die einfach sagen, was ist und daraus für alle hilfreiche Anleitungen ableiten. Jesus – den Mann gab es, selbst Atheisten müssen das hinnehmen – war ein Populist erster Güte. Er sagte, laut Bibel, „ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Toll, sagt da der Atheist, und wie sieht das dann in der Praxis aus?

Das Leben auf der Welt wird den Menschen genommen. Es wird ihnen genommen von global agierenden Konzernen und von unverantwortlichen Regierungen, deren Chefs ihren Amtseid auf die Bibel schwören. Wälder werden abgeholzt; das Grundwasser wird verseucht; große Areale werden in industriellem Interesse missbraucht. Ostern hat ein Versprechen parat: Die Auferstehung. Soll heißen: Es kann alles besser werden.

Und hier kommt das genannte Buch von Harald Lesch ins Spiel. Es ist deshalb besonders, weil Lesch, wie man so schön sagt, „Butter bei die Fische“ gibt. Er jammert nicht bloß, erst stellt er die Gegenwart dar, und dann macht er Vorschläge.

Die Gegenwart sieht so aus, grob zusammengefasst: Wenn die Menschen auf der Erde so weitermachen wie bisher, werden sie sich selbst ausrotten. Die Frage ist bloß, ob das Ende des 21. Jahrhunderts stattfindet oder erst im 22. Jahrhundert.

Derzeit finden die Nato und andere den Konflikt mit Russland wahnsinnig irritierend. Ja, es gibt einen Konflikt. Aber für die Zukunft ist er vergleichsweise belanglos. Viel wichtiger ist, was eine Kuh beim Pupsen an Methan ausdünstet. Eine Kuh – Millionen Kühe. Der Klimawandel ist keine Schimäre. Er wird binnen weniger Jahrzehnte grauenhafte Folgen zeitigen. Es wird damit anfangen, dass immer mehr Menschen in mildere Gefilde flüchten. Auf Rügen wird man sich freuen, wenn die Ostsee ein Grad wärmer wird. Wird man auf Rügen dann auch die Flüchtlinge von den Malediven gern in Empfang nehmen, deren Eiländer wegen der Abschmelzung der Polkappen und der damit einhergehenden Erhöhung des Meeresspiegels untergegangen sind?

Lesch und Kamphausen sprechen ihr Publikum direkt an – das passt zu Ostern, Jesus tat das auch. Die Autoren wissen, dass jeder einzelne Mensch in seinem Leben verkastelt ist. Deshalb plädieren sie für eine Form von Ordnungspolitik, wie sie von der Freiburger Schule ersonnen wurde: Die Staaten müssen die Weichen stellen, damit dem Klimawandel entgegengearbeitet werden kann. Jeder einzelne Staat muss die Vorgaben geben. Die Industrie wird dem folgen.

Das Buch von Lesch und Kamphausen ist süffig geschrieben. Populistischer geht es nicht. Die Autoren sagen explizit und untermauern das mit statistischen Erhebungen: Politik darf nicht mehr nach Wünschen der Reichen gestaltet werden (was derzeit in Deutschland der Fall ist). Zitat aus dem Buch: „Der Wirklichkeitsverlust der Eliten ist groß.“ Dem Klimawandel kann nur eine einige Gesellschaft entgegentreten. Um den Untergang der Welt, wie wir sie kennen, abzuwenden, müsse Gerechtigkeit herrschen, weltweit, sagen die Autoren. Wer in Afrika arbeitet, muss dort ein Auskommen finden. Das klingt simpel. Aber – um ein Beispiel zu nennen – die EU trägt seit Jahren dazu bei, dass Senegals kleine Fischer keine Fische mehr finden, weil große Trailer von EU-Ländern den Ozean vor der Küste Senegals schon leer gefischt haben.

Lesch und Kamphausen prangern nicht die große Politik an. Sie sprechen zu ihren Lesern. Wer mit dem Flugzeug reist, muss sich klarmachen, dass man damit zur Zerstörung der Erde beiträgt. Dafür kann man, um das Gewissen zu erleichtern, ein Entgelt entrichten (www.atmosfair.de). Und dann geht es auch um das Abendmahl. Immer wieder Fleisch? Längst bekannt ist, dass die Aufzucht von Vieh unendlich viel mehr Wasser kostet als Gemüse. Hinzu kommt, dass das meiste Vieh unter unsäglichen Umständen gemästet wird. Damit einher geht, dass Deutschlands Wasser vielerorts mit Nitraten voll ist. Das hat schon die EU-Kommission gemerkt. Die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will davon nichts hören. Ostereier suchen: findet statt in vergifteten Feldern.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Bayern) vom 18.04.2019 – Seite 22
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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