Gute Vorsätze

Immer wieder dasselbe: Morgens aufstehen, abends ins Bett. Dazwischen Stau oder liegen gebliebene S-Bahnen und das Büro. Hier ist ein Vorschlag, wie dem abzuhelfen ist. Legal bekommt man das nicht hin. Egal. Jetzt geht es um die Zukunft, Ihre Zukunft!

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Geehrte Leserinnen und Leser! Das neue Jahr naht, die Zeit der guten Vorsätze ist angebrochen. Anstatt sich zu überlegen, ob Sie das Rauchen aufgeben oder lieber ein paar Kilo abnehmen (beides ist bekanntlich miteinander nicht vereinbar), könnten Sie sich auch vornehmen, endlich so viel Geld an Land zu ziehen, dass die Privatinsel in tropischen Gefilden für Sie in Reichweite kommt. Die Rede ist selbstverständlich nicht von legalen Geschäften. Hier sind ein paar Tipps für die normalbürgerlichen Leser der SZ.

Erstens: Von Ladendiebstahl ist abzuraten. Umsichtig ausgeführt, ist das zwar juristisch ziemlich risikolos. Aber am Ende sitzen Sie bloß auf Haufen von Nagellack oder Rasierklingen – und nicht auf Ihrer Insel. Think big: Das ist die Devise.

Zweitens – das kommt Ihnen jetzt zupass: Betrug geht meistens besser von der Hand, wenn er nicht von Einwohnern einer Bananenrepublik organisiert wird. Dort traut eh keiner keinem, weshalb man bei finanziellen Transaktionen viel Wert auf Qualitätskontrolle legt. Glücklicherweise leben Sie in Europa, dessen wirtschaftliche Stärke auch darauf basiert, dass im Schutz der Rechtsstaatlichkeit Verträge unglaublich komplex sein können. Obzwar kaum jemand ganz durchblickt, bringen alle einander irgendwie Vertrauen entgegen, weil sie im Fall der Fälle auf ordentliche Gerichtsverfahren setzen. Das ist Ihre Chance. Nutzen Sie sie!

Der gigantische Libor-Skandal, bei dem Banken falsche Zahlen angaben, zu welchen Preisen sie sich auf den Finanzmärkten Geld leihen, wäre ohne Vertrauen nicht möglich gewesen. Aber – sorry – das ist nicht Ihre Liga; schließlich sind Sie keine Bank.

Drittens: Sofern Sie ein darbendes Kleinunternehmen oder eine Briefkastenfirma besitzen, könnten Sie Ihr bestes Kleid oder wahlweise Ihren besten Anzug anziehen und ein solides Unternehmen dazu bewegen, Ihnen auf Kredit Waren in hohem Wert zu liefern. Die müssen Sie dann sehr schnell verscheuern – und ab geht es: Leider nicht auf Ihre Insel, die wäre damit nåoch nicht erschwinglich – aber in ein Land, das Betrüger nicht an Deutschland ausliefert. Das ist eine Option, aber nicht wirklich attraktiv. Denn funktionieren könnte das nur, wenn Sie fiktive Auftragseingänge, Bilanzen, die von Sachverständigen geprüft sind, und mehr noch erbasteln. Dergleichen ist mühsam, und penible Arbeit wollen Sie sich ersparen.

Viertens: Der Versuch, auf den Beruf Börsenmakler umzusatteln, brächte Sie nicht weiter. Die Geschicke von Nick Leeson und Jérôme Kerviel sind da mahnende Beispiele. So einfach ist es nämlich nicht, unbemerkt Millionen zu unterschlagen. Etliche Jahre im Gefängnis wollen Sie sich nicht antun. Nein. Wenn schon, denn Banker. Die führenden Leute von Lehman Brothers haben noch in dem Jahr, da die Bank durch eigenes Verschulden insolvent wurde, Millionen an Boni eingestrichen. Das Problem ist nur: Auf die Schnelle kommt man selbst in einem so gesellschaftsfeindlichen Unternehmen nicht in die Spitzenregion. Sie hingegen sind der Gesellschaft zugetan: der Ein-Personen-Gesellschaft auf Ihrem Eiland.

Fünftens – egal, was Sie planen (ein Vorschlag kommt gleich): Mit digitalen Zahlungsmitteln wie Bitcoin kann man Geld verschieben, ohne dass klar ist, woher das Geld kommt und wohin es geht. Bitcoin ist wegen der starken Kursschwankungen nicht zu empfehlen, aber es gibt andere Angebote. Sollten Sie mit Computern nicht umgehen können: Ihre Enkelkinder werden Ihnen helfen. Wenn Sie Ihren Geldverkehr per digital erzeugten Pseudowährungen abwickeln, werden Sie grinsen über die Idee, den 500-Euro-Schein abzuschaffen, um illegalen Machenschaften vorzubeugen: Da stehen Sie drüber!

Sechstens: Was tun? (Das hat übrigens auch schon der russische Revolutionär Lenin gefragt.) Lange haben wir gegrübelt. Die beste Empfehlung ist das Schneeballsystem. Diese Idee ergab sich nach zweimaliger Lektüre – es geht immerhin um Ihre Privatinsel mit Palmen – eines hochempfehlenswerten Buches des Finanzanalysten Dan Davies. Der Titel: „Lying for Money“ (Lügen um des Geldes willen, 2018). Davies schildert, wie berühmte Betrügereien die Welt zum Drehen oder Durchdrehen gebracht haben.

Das Schneeballsystem ist in der englischsprachigen Welt auch bekannt als „Ponzi scheme“. Charles Ponzi war ein Meister dieser Technik. Dan Davies hält ihn nachgerade für einen Künstler. Anfang des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass man im postalischen Verkehr mit dem Ausland International Reply Coupons zugeschickt bekam, die das Porto deckten (kurz: IRC). Schwankende Wechselkurse erlaubten dem in den USA ansässigen Ponzi, so einen Coupon für mehr Geld einzuwechseln, als er ursprünglich wert war. Damit war die Geschäftsidee geboren: Ponzi ging auf Tour, ließ sich Mengen Geld von Anlegern geben und versprach enormen Gewinn. Der Casus knacksus seines Systems war: Er hat nie IRCs in großer Menge beschafft; Ausschüttungen erfolgten aus den Anlagen neuer Kunden, die er mit gewinnender Art zu überzeugen verstand.

So ein Schneeballsystem kann sehr lukrativ sein, lohnt sich für den Urheber aber nur, wenn er rechtzeitig sieht, wann es Zeit ist, sich mit dem Profit außer Landes zu begeben. Alles, was Sie brauchen: eine Idee, Überzeugungskraft (im Internetzeitalter ist das viel leichter als zu Ponzis Zeiten), hohe Investitionen der Kunden und ein – schon ausgegucktes – Eiland, das einem Staat angehört, der nicht ausliefert.

Siebtens: Sollten Sie das versuchen, haben Sie in einiger Zeit Ihre Insel. Wenn es nicht klappt und man Sie ertappt, werden Sie immerhin und hoffentlich wenigstens noch einmal ein schönes Silvesterfest gehabt haben.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 28.12.2018, Seite 20
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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