Zum Tod des ehemaligen SPIEGEL-Chefredakteurs Johannes K. Engel

(1927 bis 2018)

Von Franziska Augstein

Als „professionellsten Profi“ hat Claus Jacobi seinen einstigen Chefredakteurskollegen Johannes K. Engel noch 1991 bezeichnet. Ende der Sechzigerjahre standen die beiden zusammen an der Redaktionsspitze des SPIEGEL. 1991 arbeitete Jacobi lange schon für die Springer-Presse; seiner Hochachtung für Engel vom politisch anderen Ufer tat das keinen Abbruch.

Jacobis tautologische Formulierung „professionellster Profi“ macht munter: Was war denn so besonders an Engel, dessen Mittelinitial die auf Schabernack erpichten Kollegen umgehend als „Kukuruz“ dechiffriert hatten?

Engel, Jahrgang 1927, entstammte einer bürgerlichen Berliner Familie. Für den Nazismus hatte man zu Hause nichts übrig. Engel war zierlich und fand sich zum Siegfried nicht geeignet. Trotzdem – der Überlebenswille junger Männer führte zu heute paradox anmutenden Entscheidungen – meldete er sich 1944 freiwillig zur Wehrmacht. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, alsgleich in die Ardennenschlacht expediert zu werden, bei der mehr als 17 000 deutsche und mehr als 19 000 Soldaten der Alliierten zu Tode kamen.

Engel hatte Glück: Die Amerikaner, in den Ardennen bis zum Äußersten aggressiv-gespannt, begnügten sich damit, ihn gefangen zu nehmen. Weil er auf der Schule fleißig Englisch gelernt hatte, konnte er sich 1945 als Übersetzer bei den Amis nützlich machen.

Seit Ende 1947 war er Redakteur beim SPIEGEL – von 1950 an in der Zentrale in Hannover, wo er für die Gebiete Personalien, Wissenschaft, Medizin, Film, Kunst und Kultur allgemein zuständig wurde. Als dann ein Arzt zur Redaktion stieß, war Engel wirklich dankbar: Da war nun endlich jemand, der wusste, wie viele Klappen genau ein Herz hat. Auf Präzision kam es Engel nämlich an. Und auf Planung. Das war es, was den SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein dazu bewog, ihn 1962 offiziell zum Chefredakteur zu machen.

Nichts gab es, was Engel nicht im Voraus bedacht hätte. Er setzte auf Prognosen, sei es in der Theorie oder in der Praxis. Letzteres gewann ihm die brummige Zuneigung auch der journalistischen Haudegen, die mit ihm auf Reisen waren.

Wenn der Herausgeber Augstein, zu Gast in einem fremden Land, die Toilette nicht fand, wer wusste, wo sie war? Hans Engel. Wenn jemand nicht bloß eine Toilette benötigte, sondern dazu Klopapier: Engel hatte welches in petto. So verschafft man sich Ansehen und vermittelt zugleich, wo der Bartel den Most holt. Auf Reisen war Engel die Mensch gewordene Daseinsvorsorge. In der Sowjetunion hatte er auch immer eine Ladung Ölsardinenbüchsen dabei, damit die Redakteure, zur Abwechslung zum Saufen genötigt, eine solide Grundlage hätten.

Dem Redigieren hat er sich mit liebevoller Sorgfalt gewidmet. Ein SPIEGEL-Gespräch mit dem damaligen VW-Chef Heinz Nordhoff war gähnend langweilig. Engel schrieb es um. Dann gab es ein sagenhaftes Hin und Her, bis der VW-Mann das Interview autorisiert hatte. Dem Vernehmen nach sind von der ursprünglichen Transkription am Ende zwei Wörter übrig geblieben, sie lauten: „Herr Nordhoff“.

Engel war ein exzellenter Menschenführer. Mit schlagkräftigen Argumenten und feiner Ironie führte er seine Mannschaft. Dass der Chefredakteur Engel – die Ardennenschlächterei hatte ihn mitgenommen – sich oftmals wie ein kleiner General vorkam, hat er nur selten offenbar werden lassen. Freilich, wie ein Anführer in der Schlacht hat Engel zu seinen Leuten immer gestanden, was diese ihm hoch anrechneten.

Neben Klopapier und Ölsardinen waren es die Tonbänder, von denen das Wohl und Wehe eines Interviews mit sowjetischen Staatsführern abhing. 1983 waren fünf SPIEGEL-Redakteure bei dem neuen sowjetischen KPdSU-Chef Jurij Andropow eingeladen. Ad hoc hieß es, drei dürften gleich ihren Hut nehmen. Engel wurde unwirsch: Dann wolle auch er nicht mit Andropow reden. Blieben damals also übrig: Rudolf Augstein und der Fotograf Jupp Darchinger. Darchinger konnte mit seinem Fotoapparat umgehen, nicht aber mit einem Kassettenrekorder. Augstein konnte weder mit einem Fotoapparat noch mit einem Tonbandgerät umgehen.

Es kam, wie es kommen musste: Mit dem nach kurzer Frist nötigen Umdrehen der Tonbandkassette waren der berühmte Fotograf und der Herausgeber des SPIEGEL überfordert. Um die Blamage abzuwenden, kratzte Engel alle Kräfte zusammen, und Augstein zapfte sein Gedächtnis an. Mit dem größtenteils erfundenen Interview, das schließlich erschien, war auch der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU zufrieden. Das konnte, so war Hans Engel.

40 Jahre lang hat Engel beim SPIEGEL gedient, davon ein Vierteljahrhundert lang bis 1987 als Chefredakteur. Wen immer man fragt, alle sagen: Er sei der beste Chefredakteur gewesen, unter dem sie je gearbeitet hätten. Seine Loyalität galt allen, die für den SPIEGEL wirkten. Und diese Haltung färbte ab. Dass sämtliche Beschäftigte zum SPIEGEL hielten, als einige Politiker das Blatt während der sogenannten SPIEGEL-Affäre 1962 aus dem Weg räumen wollten, war auch Engels Verdienst.

Er, der gern und komisch erzählte, hat seine Erinnerungen nicht veröffentlicht. Das wäre ihm schäbig vorgekommen. Am 4. Januar ist Johannes Karl Friedrich Engel im Alter von 90 Jahren in Hamburg gestorben.

 


Aus: DER SPIEGEL Nr. 3 vom 13.01.2018 – Seite 124 / RUBRIKEN, NACHRUFE, GESTORBEN
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