Steine mit Löchern

Seit jeher waren die Menschen erfinderisch, wenn sie Werte schaffen wollten. Das erklärt den Erfolg der neuen Kryptowährungen. Mittlerweile machen sogar Staaten dabei mit. Aber nichts steckt dahinter, keine Ländereien, keine Produktion. Fantasie ist alles.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Im Pazifik liegt die kleine Inselgruppe Yap, benannt nach der Hauptinsel Yap. Der Folklore nach entstammten ihre Bewohner einer riesigen Muschel, die in grauer Vorzeit ein Stück Treibholz dort angeschwemmt hatte. Yaps Wirtschaft war zu Beginn des 20. Jahrhunderts überschaubar: Fisch gab es im Wasser, Kokosnüsse fielen von den Bäumen, und am Boden züchteten die Bewohner Schweine. Yap war so abgelegen und so unbedeutend, dass ein Amerikaner es für unabdingbar hielt, dorthin zu reisen. William Henry Furness III, der Spross einer angesehenen Familie, hatte sich der Anthropologie verschrieben: Yaps wenige Tausend Einwohner, die von der Moderne nicht berührt waren, wollte er kennenlernen.

Zu seiner großen Begeisterung fand Furness 1903 auf der Insel alles vor, was zu einer mehr oder weniger brutalen Zivilisation nötig ist. Es gab ein Kastensystem, die Sklaverei war etabliert, es gab Klubhäuser für Brüderschaften von Fischern und Kämpfern sowie eine lebendige Musikszene mit vielen Tänzen und Liedern.

Ganz besonders beeindruckte Furness das Geldsystem. Die Währung war wunderlich. Wenn man nicht aufpasste, konnte man sich daran einen wunden Zeh holen: Die Währung bestand aus Steinrädern mit einem Loch in der Mitte, deren Durchmesser bis zu vier Meter betrug. Diese Währung hatte einen großen Vorzug: Diebstahl war schwierig. Das Loch war nötig, um den Transport des Geldes zu erleichtern. Aber wie Furness bald merkte, war das Loch in dieser Währung namens „Fei“ gar nicht nötig. Die Steine wurden nämlich kaum bewegt. Stattdessen führten die Insulaner Buch darüber, wem welche Steine gehörten: Eine geschäftliche Transaktion ging mit der Überschreibung eines Steins einher, welcher dann oft genau dort liegen blieb, wo er zuvor gewesen war. Einer ruhte auf dem Meeresgrund; vermutlich beim Import aus dem Steinbruch einer Nachbarinsel war er von einem Boot heruntergefallen, was seinen Wert aber nicht gemindert hatte.

Allen, die sich wundern, warum die Kryptowährung Bitcoin so erfolgreich ist, mag das Beispiel des „Fei“ eine kleine Hilfe sein: Einfallsreich und hoffnungsfroh sind die Menschen, wenn sie Werte kreieren wollen. Was auf der Insel Yap lange gutging, weil es sich um eine in sich geschlossene Gesellschaft weniger „Marktteilnehmer“ handelte, muss nicht für Bitcoin gelten. Anfangs war es kaum mehr als eine Spielerei für Computer-Freaks, eine hippe Idee. In den vergangenen Wochen ist der Wert des Bitcoin rasant gestiegen. Das Gleiche gilt für andere Kryptowährungen. Warum? Ein Bitcoin ist doch letztlich nichts anderes als ein Steinchen auf dem Meeresboden.

Erfolg zeugt Erfolg, das ist eine Erklärung. Der Bitcoin kann (noch) nicht gefälscht werden, weil seine Erzeugung und der Handel auf zahlreichen Computern gespeichert sind. Das gibt den Anlegern Zuversicht. In Ländern, die die Kapitalausfuhr beschränken, greifen viele Leute gern zu Bitcoin: Lieber vertrauen sie einer Währung, die aus der Luft gegriffen ist, als dass sie ihr schönes Geld im eigenen Land lassen. „Der Bitcoin ist zu einer Krisenwährung geworden“, hat Marcel Rosenbach im Spiegel geschrieben.

Dieser Aufschwung wurde beflügelt von der Entscheidung der japanischen Finanzaufsicht, Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel anzuerkennen. Die Fachleute setzten um, was sie für die Zeichen der Zeit halten. Neuerdings können auch Leute Bitcoin erwerben, die keine Ahnung vom Programmieren haben. Es gibt IT-Spezialisten, die meinen, Kryptowährungen seien nicht bloß modisch, sondern auch nützlich, etwa für Steuererhebungen. Ihre Ansichten tragen sie in technischem Kauderwelsch vor, das die Frage offenlässt, warum es nicht bald einen Crash geben wird.

So gierig und verleitbar die Menschen sind, bleibt es nämlich dabei, dass auf die Dauer Werte ohne dahinter stehende Substanz, wie sie sich zum Beispiel aus der Produktion von Waren ergibt, nichts wert sind.

Das Absurde der Kryptowährungen zeigte sich neulich bei der Ankündigung des Präsidenten von Venezuela: Nicolás Maduro will eine Kryptowährung namens „Petro“ einführen. Damit will er Sanktionen unterwandern, welche die USA gegen Venezuela erließen. Wie die FAZ berichtete, machen diese die „von Maduro angestrebte Restrukturierung der venezolanischen Auslandsschulden über den internationalen Finanzmarkt praktisch unmöglich“. Also soll der „Petro“ helfen. Dass das funktionieren wird, ist unwahrscheinlich. Und die Krypto-Gemeinde meint: Ihre Währungen seien nicht Staatssache.

Auch für die Umwelt ist Bitcoin schädlich: Der Bitcoin ist sicher, weil er über viele Computer läuft. Falls Bitcoin weiterhin florieren sollte, wird die nötige Technik bald Strom verschlingen, der dem Verbrauch eines Landes wie Dänemark gleich ist. Kann, soll, darf man das hinnehmen?

Ein Gutes hat Bitcoin: Seit einiger Zeit wird debattiert, ob das Bargeld abgeschafft werden solle – und damit ein großer Teil des Privatlebens aller Bürger: Jeder Blumenstrauß wäre registriert (für wen der wohl gedacht war?). Alle, die dafür plädieren, weil sie meinen, damit der organisierten Kriminalität vorzubeugen, haben nun an den Kryptowährungen schwer zu kauen. Mit denen können Großverbrecher sehr viel Geld verschieben. Bargeld in Koffern, das sind vergleichsweise mickrige Summen.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 08.12.2017 – Seite 18
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung.

 

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