Allen Ballast abwerfen

Das Geld hat den Menschen ermöglicht, den Wert von Dingen in ein Verhältnis zueinander zu setzen. Im alten Athen etwa waren Fische einst teurer als Frauen. Doch wer reich war, konnte schon im Folgejahr verarmen. Was uns das antike Geldwesen zu Silvester lehrt.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

In Griechenland hat ein Steuerwesen auf luschiger Grundlage Tradition: Zu Zeiten der athenischen Polis wurde nicht geprüft, was ein Mann besaß und verdiente. Alleine seine Angaben genügten zur Besteuerung. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben ganz Gewitzte ihre Münzen trickreich versteckt – und dann offenbar nicht mehr wiedergefunden. Denn diese Münzen sind es, die heute in Museen zu sehen sind. Der englische Althistoriker James Davidson konstatierte: Die Kniffe der antiken Steuerhinterzieher seien die entscheidende Quelle der heutigen Numismatik, also der Wissenschaft der Münzen.

In anderer Hinsicht auf das Geld indes hat das antike Athen mit der Moderne sehr wenig zu tun, was Davidson in seinem Buch „Kurtisanen und Meeresfrüchte“ anhand all dessen darstellte, was den alten Griechen Freude machte: Wein, Weib und Fisch. Das Buch erschien vor fast zwanzig Jahren und wurde von Gennaro Ghirardelli ins Deutsche übersetzt.

Athen ist zwar eine Hafenstadt, aber dem damaligen Fischkonsum nach zu urteilen, hätte sie genauso in Böhmen angesiedelt sein können, das in einem Theaterstück von Shakespeare tatsächlich am Meer liegt. Heute sind die Gewässer überfischt. Aber auch schon vor mehr als 2000 Jahren machten die Fische, derer da viele waren, keine Anstalten, den Athenern vom Tümpelwasser am Kai direkt auf den Teller zu hüpfen. Die Fischerei wurde denn auch in Komödien gepriesen. Ein zeitgenössischer Dichter schrieb: „Welch andere Kunst lässt junge Lippen brennen, ihre Finger grapschen, ihre Lungen keuchen in der Hast des Verschlingens? (…) Und wenn es an die Verführung einer wirklichen Schönheit geht, mit welchen geschwätzigen Versen wolltest du denn ohne die Kunst der Fischer ihr Sträuben überwinden?“ Die athenische Lust am Fisch – ganz vorn stand der Aal, dann kam der Thunfisch – ließ es den Männern erscheinen, dass wirklich schöne Frauen wie Fische aussähen. Letztere waren damals aber schwerer zu bekommen als Frauen, weil sie teurer waren. Einen guten Fisch konnten viele Athener sich nur zwei- oder dreimal pro Jahr leisten.

Mit den Frauen war es einerseits einfacher, andererseits auch wieder sehr schwierig. Die anständige Frau verließ das Haus nicht; die Einkäufe erledigte der Ehemann. Der Umgang mit einer Frau, die sich auf der Straße herumtrieb, kostete einen Obolus, viel weniger als ein anständiger Fisch. Die Hetären aber konnten sehr teuer werden. Prinzipiell hatte man in Athen nichts dagegen einzuwenden, dass ein Mann sich im Haus mit einer Hetäre vergnügte, während seine Frau die Wäsche machte. Die Idee, dass Ehebruch irgendwie nicht in Ordnung sei, war zwar bekannt, war aber Verhandlungssache. Verhandelt wurde nicht zuletzt über Geld. Schließlich ermöglichte erst das Geld den Leuten, den Wert von Dingen irgendwie in ein Verhältnis zueinander zu setzen.

Die attische Vorstellung von Geld kam der von Georg Simmel ziemlich nahe, der 1900 in seinem Buch „Philosophie des Geldes“ schrieb, Geld helfe den Menschen durch die „reine Sachlichkeit der geldmäßigen Beziehung“: Es fördere die Unabhängigkeit des Individuums. Gleichzeitig befördere es seine Entwurzelung: Nicht Haus, nicht Land, nicht Vieh sei für den Menschen entscheidend, sondern allein ihr Geldwert. Simmel glaubte: So recht froh könne der Mensch nicht werden in einem System, das seinen Besitz allein nach dem Geldwert taxiert.

Der Unterschied zwischen dem antiken Athen und Simmels Zeit lag darin, dass Vermögen in Athen ungefähr so zuverlässig waren wie eine Möwe, die für einen Moment auf einem Stein sitzt. Die Reichen mussten die Kampfschiffe finanzieren, die Trieren, die auf drei Etagen mit Ruderern besetzt waren, mit deren Hilfe Athen sich mit den Nachbarn stritt. Sie mussten die religiösen Feste bezahlen, davon gab es etwa einhundert pro Jahr. Außerdem gab es private Bankette. Die waren teuer – eines konnte so teuer kommen wie der Bau einer Triere. Das hatte den Effekt, dass, wer heute reich war, im folgenden Jahr verarmt sein konnte. In der attischen Demokratie war die Bildung von starken Familien-Clans nicht möglich.

Man würde sich wünschen, dass das heute noch der Fall wäre, da die griechischen Staatslenker in den vergangen Jahrzehnten immer denselben Familien entstammten. Das ist übrigens auch der Grund, warum Alexis Tsipras gewählt wurde von Leuten, die das griechische Klientelwesen satt hatten: Er kommt aus der Mittelschicht, und kein Onkel, Vater oder Opa hat vor ihm das Amt des Ministerpräsidenten innegehabt.

In der attischen Demokratie war Geld mehr als das, was gerade fehlte. Es gab, Davidson zufolge, die Möglichkeit, zu ermessen, was man zu tun hatte. Anders als das „Du sollst“ und „Du sollst nicht“ der Bibel habe die griechische Moral oszilliert. Da musste man irgendetwas haben, woran man messen konnte, was man tat. Das Geld gab den Maßstab vor für die Moral. Und die Moral bestand in der Selbstbeherrschung, nicht im Angeben. Schon Solon sagte im fünften Jahrhundert vor der Zeitrechnung: „Nichts im Übermaß.“ Das galt einige Jahrhunderte lang für die Athener. Dasselbe Motto hatte der deutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard: Wohlstand für alle, aber in Maßen.

Im antiken Athen haben angeblich einmal die Männer auf einem Symposion dermaßen gesoffen, dass sie alle beweglichen Gegenstände aus den Fenstern warfen. Am nächsten Morgen erklärten die verkaterten Zecher: Sie seien sich vorgekommen wie auf einem Schiff in einem brausenden Sturm, und um nicht unterzugehen, mussten sie allen Ballast abwerfen. Diese Verirrung ist an Silvester 2016 niemandem zu wünschen.


Aus: Süddeutsche Zeitung vom 30.12.2016 – Seite 18.
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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