Laudatio beim Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2013

Am 15. November 2013 vergab die Stadt Osnabrück den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis zu gleichen Teilen an den Diplomaten Avi Primor, den ehemaligen Botschafter Israels in Deutschland,  und an Abdallah Frangi, der als Diplomat für die Palästinenser wirkt. Die Laudatio im Wortlaut.


Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk hat in diesem Jahr einen halb-autobiographischen Roman veröffentlicht. Er heißt 1948, der Titel „1948“ bezieht sich auf das Jahr, in dem Israel seine Unabhängigkeit proklamierte. Für die Palästinenser war es das Jahr der „Nakba“, der Katastrophe, die auf dem palästinensischen Gedächtnis lastet und dazu geführt hat, dass bis heute Hunderttausende Palästinenser in behelfsmäßigen Lagern leben.

Der Schriftsteller Yoram Kaniuk kam 1930 zur Welt. Sein Vater war kein Flüchtling, er war frühzeitig nach Palästina ausgewandert und hatte es in Tel Aviv zum Museumsdirektor gebracht. Die Juden hatten damals noch keinen Staat – aber ein Kunstmuseum. So etwas brauchten die Auswanderer, um sich in Palästina heimisch zu fühlen. Kaniuks Vater liebte deutsche Musik und Literatur. Während der grausamen Kriegsgeschehnisse 1948, erzählt Kaniuk, forderten aus Deutschland eingewanderte Juden – nun waren sie Angehörige der Tel Aviver Bürgerwehr – die Einwohner auf: „Bitte die Luftschutzräume aufsuchen“, „bitte das Licht ausmachen“. Und Kaniuk fügt an: „Wer sagt heutzutage denn noch ,bitte’? Diese schöne alte Sprache war in Berlin geblieben, das damals nur in Tel Aviv zur Miete wohnte.“

Ja, diese schöne alte Sprache kam aus Deutschland, das während der Nazi-Zeit zu einem Mördersystem geworden war. – Wenn deutsche Höflichkeit 1948 in Tel Aviv umging, so war das vor allem das Werk der Nazi-Deutschen, denen es eben nicht gelungen war, alle Juden zu töten. Dass zur gleichen Zeit Zigtausende Palästinenser von den neuen jüdischen Militärorganisationen in Palästina aus ihren Häusern vertrieben und getötet wurden, war letztlich auch ein Ergebnis der nazi-deutschen Vernichtungspolitik. Was sollten die Juden anderes machen, als sich einen Ort zu suchen, wo sie ihres Lebens sicher sein konnten? Palästina lag historisch nahe. Palästina war aber schon bevölkert. Und so kam es zu der Tragödie, deren Ende nicht absehbar ist.

Das muss man sich als Deutscher vor Augen führen – und in Anbetracht dieser Geschichte kann ich nicht anders, als Scham denen gegenüber zu empfinden, die bis heute von diesen Auswirkungen des nationalsozialistischen Systems betroffen sind. Die Bundesrepublik ist intern ein friedlicher Staat und genießt ihren Frieden. Die Menschen im Staat Israel und in Palästina hingegen: Sie haben seit 1948 keinen einzigen Tag echten Friedens erlebt.

Wenn es zwei Menschen gibt, die einen Ausgleich, einen Frieden womöglich zustande bringen könnten, sofern man sie denn die nötigen Vereinbarungen treffen ließe, so sind es die beiden Herren, die heute mit dem Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet werden: Sie, Abdallah Frangi, und Sie, Avi Primor. Sie, deren Lebensgeschichten beides umfasst: Die gesamte Zeit der Katastrophe, der „Nakba“, und die gesamte Existenz des israelischen Staates. Dass Sie den Preis zusammen annehmen: Das ist nicht feiner deutscher Ausgleichsdiplomatie zu danken. – Wobei anzumerken ist, dass die deutsche Diplomatie derzeit ja ohnedies nicht besonders von sich reden macht – bis dahin, dass mittlerweile ehemalige deutsche Außenpolitiker und Außenpolitikberater jeglicher Couleur der Auffassung sind: „,Deutsche Außenpolitik’ – welche Außenpolitik?“ – Nein: Dass Sie beide, Herr Primor, Herr Frangi, sich den Friedenspreis teilen können: Das ist ganz allein Ihr Verdienst.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte Ihnen unsere beiden Preisträger kurz vorstellen – zwei Männer, die aus politisch einander feindlichen Richtungen kommen und dabei doch vieles miteinander gemeinsam haben.

Abdallah Frangi ist der Sohn eines hochgeachteten beduinischen Stammesfürsten. Traditionell lebten Beduinen in Zelten. Der Vater aber, er trug die geschichtsträchtigen Vornamen Hassan Suleiman Ibrahim, hatte früh den Vorteil von Bauten aus Stein erkannt und errichtete auf seinen Ländereien nahe Beersheba ein prächtiges, großes Haus. Nur die zahlreichen, wechselnden Gäste wurden in Zelten untergebracht. 1948 floh die Familie vor den jüdischen Milizen. Eine Karawane setzte sich damals im Schutz der nächtlichen Dunkelheit in Marsch: Packtiere, Reittiere, viele Angehörige des Hauses gingen zu Fuß, stundenlang, durch die Nacht. In GazaStadt ließ man sich dann nieder. Damals war Abdallah Frangi fünf Jahre alt. In seiner Autobiographie hat er über diese Karawane auf der Flucht geschrieben: „Ich stelle mir vor, dass wir einen ähnlichen Anblick geboten haben wie die Kinder Israels bei ihrem Auszug aus Ägypten“ – nur dass seine Familie damals das Gelobte Land verlassen habe. Für den Verlust der Güter ist seine Familie nie entschädigt worden – ebenso wenig wie die vielen anderen Palästinenser, die von Haus und Hof vertrieben wurden.

Schon in jungen Jahren hat Abdallah Frangi palästinensische Rekruten gesehen, die sich nicht hatten wehren können und von jüdischen Soldaten aus sicherem Abstand zu Tode geschossen worden waren: Er sah ihre verkohlten Leichen. Kein Wunder ist es, dass er, gerade eben erwachsen, kämpfender Partisan für die palästinensische Sache werden wollte.

Es gehört zu den politischen Eigenheiten der jüngeren israelischen und übrigens auch der amerikanischen Politik, dass sie den Zusammenhang nicht wahrhaben will zwischen der Gewalt, die sie veranlasst, und der Gewaltbereitschaft, die sie damit erweckt. Und sofern Vertreter des Staates Israel und der Vereinigten Staaten diesen Zusammenhang konzedieren, übersehen sie geflissentlich, dass die Gewalt damit nicht bloß perpetuiert, sondern nach dem Prinzip des Schneeballsystems vervielfältigt wird. Wenn in Palästina, in Pakistan, in Afghanistan oder andernorts Zivilisten, ja Alte, Frauen und Kinder im Namen des Kampfes gegen den Terror versehentlich getötet werden, so halten die Nachbarn, ihre wehrfähigen Söhne und andere, die mittels der elektronischen Medien davon erfahren, die Toten nicht für „Kollateralschäden“, sondern für die Opfer von Terror. Zorn und persönlicher Stolz bewegen viele dazu, dagegen mit Waffengewalt aufzustehen.

Abdallah Frangi erging es genauso. Seit 1963 studierte er in Deutschland Medizin. Aber sein Blick war nach Palästina gerichtet. Er ließ das Studium sausen und absolvierte zusammen mit anderen in ein oder zwei arabischen Camps eine soldatische Grundausbildung, die für den Partisanenkrieg allerdings nicht geeignet war. Gleich beim ersten Einsatz wurde sein Trupp von den Israelis gefangen genommen. Und nun geschah etwas, was das junge Israel sich früher leistete. Abdallah Frangi hat es in seiner Autobiographie beschrieben: Zu den Verhören fanden sich ein: ein Historiker, ein Professor für arabische Geschichte, ein Professor für die Geschichte des Judentums und andere Fachleute, die den jungen Partisanen das Gefühl gaben, man nehme sie ernst. Und dann, schreibt Frangi, „kamen gewöhnliche israelische Bürger“, die ihre Lebensgeschichten erzählten. „Und so schälten sich aus der anonymen Masse unserer Feinde und Unterdrücker nach und nach einzelne Gestalten mit individuellen Lebensschicksalen heraus.“

In der Folge hat Abdallah Frangi viele Bücher über die jüdische Geschichte und die Verfolgung der Juden gelesen. Genauer gesagt: alle, die ihm in die Hände fielen. Dabei erging es ihm so: Während er las, ergriff er für die Juden Partei. Erst wenn er das Buch aus der Hand

legte, stellte sich das Empfinden der Solidarität mit seinem Volk mit Macht wieder ein. Nach einigen Monaten der Haft ließen die Israelis ihn frei, auch sein Fläschchen Eau de Toilette gab man ihm wieder mit. Frangi hält es für möglich, dass die Israelis ihn als Kämpfer nie ganz ernst genommen hatten: Welcher echte Partisan denke schon daran, sein Duftwasser mit in den Kampf zu nehmen?

Da er für den bewaffneten Aufstand offensichtlich nicht geeignet war, beschloss er nun, zurück in Deutschland, mit anderen Mitteln weiterzukämpfen: „Ich wollte die Deutschen für die Sache Palästinas gewinnen“, hat er geschrieben. Das ist ihm ziemlich gut gelungen – ja, sogar so gut, dass der SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski – er war auch als „Ben Wisch“ bekannt – ihn vorstellte mit den Worten: „Mein Freund, der Terrorist“.

Frangi setzte auf die Deutschen. Und das hieß auch, dass er die israelischen Anliegen und das israelische Bedürfnis nach Sicherheit nun respektierte. Er hat oftmals gesagt: Nur weil Deutschland zu seiner Schuld und seiner Verantwortung gegenüber Israel steht, könne es eine Politik betreiben, die auch den Interessen der Palästinenser entgegenkommt.

Der israelische Diplomat Avi Primor hat es immer verstanden, in Gegensätzen zu denken. Das war auch nötig für die Aufgabe, die ihm zuwuchs. Von 1993 bis 1999 war er Botschafter Israels in der Bundesrepublik. Als junger Mann hätte er sich das nicht im Albtraum vorstellen können. Seine deutsche Mutter, Selma Goldstein, war Anfang der 30er Jahre aus Liebe zu dem Mann, der Avi Primors Vater werden sollte, nach Palästina ausgewandert. Selma Goldsteins Vater hat seine Tochter daraufhin aufgegeben. Nach dem Krieg erfuhr sie, dass ihre gesamte Familie in der Shoah vernichtet worden war. Verständlicherweise wollte ihr Sohn Avi niemals nach Deutschland reisen und niemals deutsche Erzeugnisse kaufen. Und schon gar nicht wollte er die deutsche Sprache erlernen.

Als Beamter kann man sich nicht immer aussuchen, wohin man versetzt wird. Primor wurde nach Deutschland geschickt. An einem Goethe-Institut hat er Deutsch gelernt, und zwar „mit Wut“, wie er gesagt hat. Aber so wie Frangi die Israelis kennenlernte, lernte Primor die Deutschen kennen. Die Loyalität, die Frangi gegenüber seinem Volk empfindet, empfindet Primor gegenüber Israel. Beide zeichnet indes aus, was man allen Erdenbürgern wünschen möchte: Dass sie die Leute, mit denen sie zu tun bekommen, nicht nach politischen Konzepten beurteilen, sondern nach deren je eigenen Haltung und nach dem Charakter.

Es blieb nicht aus, dass Avi Primor schon als Botschafter bei seiner Regierung aneckte. 1996 weilte der damalige Staatspräsident Ezer Weizmann auf Besuch in Deutschland und erklärte öffentlich, es sei falsch, wenn russische Juden in die Bundesrepublik übersiedelten. Überhaupt könne er nicht verstehen, dass es in Deutschland jüdische Gemeinden gebe. Da erklärte Primor unumwunden: Auch ein Staatspräsident habe das Recht, seine persönliche Meinung zu äußern. Er dürfe das selbst dann tun, wenn sie falsch sei. Das kam bei der israelischen Regierung nicht gut an.

Noch weniger angetan war man, als der Botschafter Primor die ultraorthodoxe Schas-Partei, die der damaligen israelischen Regierungskoalition angehörte – und übrigens auch der jetzigen Koalition angehört –, als „undemokratisch“ bezeichnete. Überdies hatte die Schas-Partei an Friedensverhandlungen kein Interesse. Avi Primor hingegen plädiert seit jeher dafür, dass man im Nahen Osten um den Frieden kämpfen müsse. Es kann und darf nicht um Rache gehen. Wenn überhaupt etwas erreicht werden kann, dann geht das nur über Verhandlungen.

Und deshalb steht Primor nicht an, israelische „Extremisten“ zu kritisieren – wobei er nicht bloß von vereinzelten Terroristen redet, sondern, wo nötig, von ganzen politischen Parteien: „Das sind“, sagte er, „religiöse Fundamentalisten, Rechtsextreme, Nationalisten. Diese Leute kann man überhaupt nicht überzeugen. Die konnte man noch nie überzeugen.“ Diese scharfen Sätze sprach Avi Primor 1998, also als Botschafter. Verwunderlich ist nicht, dass viele Deutsche irrtümlich meinten, seine Ablösung 1999 habe nichts damit zu tun, dass er das Ruhestandsalter erreicht hatte, sondern sei als Sanktion zu verstehen. Verwunderlich ist allenfalls, dass er immerhin rund sechs Jahre lang in Deutschland als Botschafter zum Wohle Israels und der Verständigung zwischen Israel und Deutschland wirken konnte.

Im Ruhestand hat Avi Primor an einer privaten Universität in Tel Aviv ein Zentrum für Europäische Studien gegründet. Von Anfang an wollte er auch palästinensische Studenten einbeziehen. Als er Prinz Hassan, dem Onkel des jetzigen Königs von Jordanien, davon erzählte, habe dieser entgegnet: Warum nur Palästinenser, warum nicht auch Jordanier? Seither, mittlerweile ist das Zentrum an der Tel Aviver Universität angesiedelt, treffen sich alljährlich 150 Studenten aus Jordanien, Israel und Palästina zu seinem Seminar auf neutralem Boden – und zwar in Düsseldorf, Deutschland.

Primor hat die israelische Politik gegenüber den Palästinensern immer wieder kritisiert und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Er prangerte die „elenden Lebensbedingungen“ der Palästinenser im Gaza-Streifen an. Außer Frage stehe es, schrieb er 2011, „dass die Besatzung an sich ein Fluch ist“. Er warnte vor den Gesetzesinitiativen der „rechtsnationalistischen Parteien Israels“: Sie schürten die „Angst vor dem Entstehen eines autoritären Staates“, indem sie Gesetze durchzusetzen suchten, „die den Einfluss des Justizsystems beeinträchtigen und die Pressefreiheit begrenzen“. „Gelegentlich“, fügte er an, „sind die Gesetzesinitiativen zudem rassistisch.“ Benjamin Netanjahus Likud-Partei, konstatierte er im Januar 2013, sei „erheblich extremistischer geworden“.

Einen Punkt gibt es, da lässt Avi Primo zu Recht nicht mit sich reden: Das ist das israelische Bedürfnis nach Sicherheit. Frieden kann es auch solange nicht geben, wie jüdische Bürger Israels in der Furcht leben, von Terror-Trupps attackiert zu werden, sei es mit Raketen, sei es durch Selbstmordkommandos. Gleichzeitig ist Primor aber der Überzeugung, dass eine Sicherheitspolitik nicht Erfolg haben kann, die nur eine einzige Methode kennt: Die Palästinenser in den Staub zu treten. Einem UN-Bericht zufolge wird der Gaza-Streifen, sofern nichts sich ändert, im Jahr 2020 nicht mehr bewohnbar sein. Und was dann? Im Gaza-Streifen leben derzeit rund 1,7 Millionen Menschen.

Unbeirrbar hält Avi Primor an der Zwei-Staaten-Lösung fest. Er schrieb: „Die Palästinenser sind derzeit nicht unabhängig, sie leben nicht in Würde. Zuerst müssen die Palästinenser einen eigenen Staat haben, damit sie mit den Israelis auf Augenhöhe verhandeln können.“ Als in den Vereinigten Staaten die Regierung von George W. Bush am Ruder war, kam Primors Optimismus auf einen Tiefpunkt. 2003 sagte er: „Ich verliere die Hoffnung nicht. Aber ich vertraue auch den Spitzenpolitikern auf beiden Seiten nicht mehr. Sie haben zu oft versagt, und sie werden weiterhin versagen. Den Amerikanern vertraue ich schon gar nicht. Sie zollen unseren Problemen nur Lippenbekenntnisse.“ Umso mehr setzte er auf die Europäische Union und später auch auf den amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Von den politischen Parteien Israels erwartete er nichts mehr. Bei den Wahlen zur Knesset im vergangenen Januar fiel ihm auf: Nur zwei Parteien gab es, so Primor, „die es für notwendig hielten sich mit den Themen Friedensverhandlungen, Palästinenser oder besetzte Gebiete auseinanderzusetzen. Zusammen haben sie gerade einmal zehn Prozent der Stimmen bekommen.“

Israels Wirtschaft ist in keinem guten Zustand, der Mittelstand, das Rückgrat einer jeden Gesellschaft, wird immer ärmer. Kurz vor den Wahlen schrieb Avi Primor: Der Grund dafür sei, „dass die Behörden immer mehr Geld für die Siedlungen und für die Streitkräfte ausgeben, die diese Siedlungen sichern sollen. (…) Letztlich können die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, wie wichtig sie auch sein mögen, nicht von den tiefgreifenden Fragen von Krieg und Frieden getrennt werden.“ Das Ziel der jetzigen Regierung unter Präsident Netanjahu sei, „die Realität“ in den besetzten Gebieten „so zu ändern, dass die Entstehung eines Palästinenserstaats unmöglich wird“. Und dass, so muss man anfügen, der Konflikt damit auf unabsehbare Zeit verlängert wird.

Avi Primor hat mit Abdallah Frangi eines gemeinsam: Die Hoffnung. Allen Widrigkeiten zum Trotz geben beide die Hoffnung nicht auf. Das unterscheidet sie von vielen anderen Akteuren. Wie verzweifelt die Lage in Israel ist, zeigte mir vor ein paar Monaten eine Unterhaltung mit einer prominenten deutschen Jüdin. Die Frau ist alt, sie liebt den Staat Israel. Ihr Sohn ist auch schon in die Jahre gekommen. Anders als sie lebt er in Israel. Die Mutter erzählte mir, dass sie ihren Sohn gefragt habe, ob er in seinen privaten Kommentaren gegen die Palästinenser nicht ein bisschen zu weit gehe. Daraufhin habe ihr Sohn ihr gesagt: „Uns mag sowieso niemand“, deshalb könne er sagen, was er wolle.

Viele in Israel und auch in Deutschland meinen mittlerweile, dass Israel EIN Staat sein solle, inklusive der besetzten Gebiete. Je nach politischer Couleur dessen, der diese Idee vertritt, kann das folgendes bedeuten: Entweder das Wahlrecht steht allen zu, dann würde Israel sehr bald kein jüdischer Staat mehr sein, sondern ein von Palästinensern dominierter Staat. Oder: Israel müsste durch und durch ein Apartheidstaat sein, in dem die Palästinenser Menschen zweiter Klasse sind. Beides ist unrealistisch: Die israelischen Juden können nicht wollen, dass sie eines Tages von einem muslimischen Premierminister regiert werden. Und die Weltgemeinschaft würde nicht hinnehmen, dass Israel die Palästinenser wie minderwertige Menschen behandelt. Daher sagen Abdallah Frangi und Avi Primor: Es muss zwei Staaten geben.

Die Zwei-Staaten-Lösung: Sie ist derzeit himmelweit entfernt. Nötig sind Menschen, die trotzdem daran glauben, die dafür arbeiten. Das haben Abdallah Frangi und Avi Primor seit Jahrzehnten getan.

Sollten Sie, verehrtes Publikum, sich nun fragen, ob der Botschafter Primor und der Diplomat Frangi einander je begegnet sind, ist hier eine kurze Antwort: In der Tat, es gab einige Begegnungen. Da kam es nicht zu einem Hauen und Stechen. Stattdessen haben die beiden sich unter anderem über das ausgetauscht, wovon Sigmund Freud schon sagte, dass es nur in einen Abgrund führen könne: Es ging um die Frage der Ursprünge. Also: wer war zuerst da in Palästina? Frangi argumentiert, die Palästinenser seien die Nachfahren der Philister, der Kanaaniter und anderer Ureinwohner. Primor sagt: Moment!, die Juden waren dort zu biblischen Zeiten auch unterwegs. Nach allem, was ich weiß, haben die beiden diese Frage untereinander noch nicht abschließend geklärt.

Was die unmittelbare Gegenwart und die laufenden palästinensisch-israelischen Verhandlungen angeht, überlasse ich alle Kommentare dazu den zwei Preisträgern.

Nur eine Bemerkung noch zum Schluss: Vor kurzem hat Avi Primor einen Roman publiziert, der zeigt, wie trefflich der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis zu ihm passt. Sein Roman heißt Süß und ehrenvoll. Anhand einiger idealtypischer fiktiver Gestalten und einiger Personen der Zeitgeschichte erzählt er vom Ersten Weltkrieg und vom Patriotismus deutscher und französischer jüdischer Soldaten, die ihre jeweiligen Länder so liebten, dass sie es tatsächlich

für „süß und ehrenvoll“ hielten, „fürs Vaterland zu sterben“. Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues hat einen neuen Gefährten gefunden, wundersamerweise einen Gefährten aus Israel.

Lieber Herr Frangi, lieber Herr Primor. Es ist uns allen hier eine Ehre, es ist eine Ehre für die Bundesrepublik Deutschland, dass Sie den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück entgegennehmen.


Laudatio auf Avi Primor und Abdallah Frangi anlässlich der Vergabe des Erich-Maria- Remarque-Friedenspreises der Stadt Osnabrück am 15. November 2013 .

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