So begann die Vernichtung

Am Abend des 9. November 1938 organisierte Joseph Goebbels ein Pogrom gegen die Juden. Die Deutschen waren mehrheitlich dagegen, aber es gab keinen kollektiven Aufschrei. Also nahm die Politik der Nazis ihren Lauf.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Was sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in deutschen Städten und Ortschaften abspielte, wurde schnell als „Reichskristallnacht“ bekannt. Das Wort klingt so feierlich-hübsch, dass unlängst ein geschichtsvergessenes Heilbad auf den schönen Klang hereinfiel und für seine „Kristallnacht“ warb, die es ausgerechnet für den 9. November dieses Jahres anberaumt hatte, und so dem Wort „Heil-Therme“ versehentlich eine ganz neue Bedeutung verlieh.

Den irreführenden Begriff hatte der Volksmund geprägt; und immerhin eine kleine Wahrheit lag darin beschlossen: „Reichskristallnacht“ war analog zu Wörtern wie Reichsnährstand oder Reichsfrauenschaft konstruiert und deutete somit an, dass der landesweite Pogrom gegen die Juden von oben organisiert worden war und nicht, wie Goebbels und andere behaupteten, eine spontane Manifestation der „begreiflichen Empörung der Bevölkerung“ darstellte.

Größere Festivitäten zum Klang von Knobelbechern waren für den 9. November ohnedies geplant: Am 9. November, 15 Jahre zuvor, war Hitlers Putsch in München schmählich in sich zusammengebrochen, Grund genug für die Nazis, den Tag nun zu feiern. Dass dieser Tag 1938 zu einem Pogrom bestimmt wurde, ergab sich aus einem Vorwand: In Paris hatte ein siebzehnjähriger, völlig verzweifelter Jude mehrfach auf den Legationssekretär Ernst vom Rath geschossen. Herschel Grynszpans Eltern waren Opfer der sogenannten Polenaktion geworden: 17 000 Juden wurden gen Polen deportiert, alle Gebote der Menschlichkeit missachtend, verweigerte Polen ihnen die Aufnahme, weshalb sie kurzerhand im öden Niemandsland ausgesetzt wurden. Herschel Grynszpan war zu jung, um auf ein besseres Mittel zur Rettung seiner Eltern zu sinnen. Vor Gericht sagte er später: „Es ist schließlich kein Verbrechen, Jude zu sein. Ich bin kein Hund. Ich habe ein Recht auf Leben. Mein Volk hat ein Recht darauf, auf dieser Erde zu existieren.“

Die Nazis waren aber nun einmal genau gegenteiliger Ansicht. Das ganze Jahr 1938 hindurch waren die Juden schon verfolgt worden, teils brutal, teils mit bürokratischem Raffinement. 1938 war ein großes Jahr der Arisierungen. Als Rath am 9. November seinen Verletzungen erlag, nutzte Goebbels die Gelegenheit. Binnen Stunden hatte sich die Ordre in allen Gauen verbreitet, dass nun durchgegriffen werden müsse. Die meisten Historiker halten den Propagandaminister Joseph Goebbels für den Initiator des Pogroms. Unstrittig ist, dass Hitler von dem Projekt sehr angetan war. Gemeinhin wird gesagt, Goebbels habe sich damit auch wieder lieb Kind machen wollen: Seine ehebrecherische Liaison mit der tschechischen Schauspielerin Lída Baarová fand bei Hitler, der Magda Goebbels sehr schätzte, nicht das geringste Verständnis.

Die Augenzeugen des Pogroms, der den Juden angetan wurde, erzählten Fürchterliches. Konrad Heiden, ein sozialdemokratischer Publizist, der längst emigriert war, hat etliche Berichte zusammengetragen und 1939 in England, Frankreich und Schweden veröffentlicht (siehe SZ vom 5. November). Erst jetzt, fast ein halbes Jahrhundert nach Heidens Ableben, ist sein Buch auch auf Deutsch herausgegeben worden.

Zwei Beispiele. Im angeschlossenen Österreich, wo die Nazis mindestens so gute Brutalos sein wollten wie die Deutschen, trug sich Folgendes zu: „S. A. verhaftete ein junges jüdisches Ehepaar. Die Frau bat um Erlaubnis, ihr zehn Monate altes Baby mitnehmen zu dürfen. Dies wurde ihr verweigert. Nach der Abführung der beiden wurde das Baby in der leeren Wohnung eingeschlossen, die Wohnung versiegelt und ein Wachposten davor gestellt. Zwei Tage lang hörte man das Baby noch schreien. Dann wurde es still.“

Oder: In einer süddeutschen Großstadt „führte die Horde die Eheleute B. auf ihren Balkon und befahl Herrn B., auf das Geländer zu steigen, wobei sie ihm hinaufhalfen. Dann befahlen sie ihm hinunterzuspringen. Die Wohnung liegt im ersten Stock. Als Herr B. das nicht tat, erhielt er einen Stoß, sodass er hinabstürzte. Die Horde verließ darauf eilig das Haus. Herr B. starb im Krankenhaus“.

Das Prügeln und Morden, die engagierte Zerstörung von Warenbeständen und Privatbesitz vollzogen sich vielerorts im Schein der brennenden Synagogen. Die Feuerwehren, die gerufen wurden, schützten lediglich die Nachbarhäuser vor einem Übergreifen der Flammen. „Die ,Aktion'“, schreibt Ian Kershaw, „wurde meistens an Ort und Stelle improvisiert.“ So seien etliche Männer der SA-Reserve in Marburg beim Zechen gewesen, als ihr Standartenführer ihnen mitteilte, sie hätten in selber Nacht noch die Synagoge abzubrennen. Geeignetes Zündmaterial musste gefunden werden. Es dauerte eine Weile, bis ein einfallsreicher Hooligan sich daran erinnerte, dass im nahegelegenen Theater vier Kanister Öl lagerten.

Die späteren Historiker Hans und Wolfgang Mommsen waren kurz zuvor acht Jahre alt geworden. Am folgenden Tag, hat Hans Mommsen einmal erzählt, habe sein Vater die Zwillinge bei der Hand genommen und einen „Spaziergang“ mit ihnen gemacht. Sie seien an der verkohlten Marburger Synagoge vorbeigelaufen: Der Vater habe wohl mit eigenen Augen die Ergebnisse des Vandalismus anschauen wollen und, um nicht aufzufallen, die kleinen Söhne mitgenommen. Viele Deutsche trafen am 10. November, es war ein Donnerstag, vor den zerstörten Synagogen und verwüsteten Geschäften ein. Und nicht alle waren entsetzt, ganz im Gegenteil. Zwar hatten die Reichsoberen den NSDAP-Funktionären die Devise ausgegeben, dass nicht geplündert werden dürfe. Das hinderte aber viele Deutsche nicht, sich Gegenstände, die noch heil waren, unter den Nagel zu reißen.

Der Publizist Heiden zitierte 1939 einen holländischen Augenzeugen: „Die Bevölkerung stand mit stummem Schrecken dabei. Keiner wagte, dagegen aufzutreten. Schließlich aber begann man zu plündern. Frauen schlugen sich um Unterkleider.“ – Und das im Jahr 1938, als es den Deutschen wirtschaftlich ziemlich gut ging, weil das – nicht zuletzt über die Aufrüstung laufende – staatliche Investitionsprogramm Wirkung gezeigt hatte. Heiden schrieb: „Die Satinsessel, die Teppiche, die Wanduhren, Schreibmaschinen, Spiegelschränke, Kommoden, selbst die Bücher und Bilder sind ein verschmerzbarer Verlust, verglichen mit den Kinderseelen, die hier der Zivilisation verloren gehen. Lehrer führten sie auf die Straße und lehrten sie, die tief im Menschen schlummernde Zerstörungslust an Spiegelscheiben und Schaufensterpuppen zu befriedigen.“

Viele Erwachsene waren damals anders gestimmt. 30 000 jüdische Männer, so die Vorgabe an die Gestapo, sollten verhaftet werden. Ob sie davon wussten oder es nur ahnten: Juden flohen aus ihren Häusern und Wohnungen. Lebten sie auf dem Dorf, blieb ihnen kaum etwas anderes übrig, als sich in der umliegenden Natur zu verstecken. Etliche Bürger haben diese Leute damals mit Lebensmitteln und anderem Nötigen versorgt. Der Pogrom traf durchaus nicht auf die breite Zustimmung der Bevölkerung. Sofern man Juden heimlich helfen konnte, taten es viele. Aber es gab keinen kollektiven Aufschrei. Das Regime hatte keinen Anlass, seine Politik zu ändern.

Auch die evangelische und die katholische Kirche konnten sich damals nicht zu einer Verurteilung des Pogroms aufraffen. Ein einziger evangelischer Priester, der Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan, forderte in seiner Bußtagspredigt vom 16 . November 1938 öffentlich zur Buße für die Verbrechen an den deutschen Juden auf (so Peter Steinbach und Johannes Tuchel in „Widerstand in Deutschland 1933 – 1945“). In seiner Predigt sagte Jan: „O Land, liebes Heimatland, höre des Herrn Wort! In diesen Tagen geht durch unser Volk ein Fragen: Wo ist in Deutschland der Prophet, der in des Königs Haus geschickt wird, um des Herrn Wort zu sagen? (…) Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute entweder im Konzentrationslager oder mundtot gemacht.“ Dafür wurde Julius von Jan schwer misshandelt und kam dann für fünf Monate ins Gefängnis.

1938 sah es so aus, als würden die Nazis die christlichen Kirchen systematisch und mit Brutalität verfolgen. Entsprechend vorsichtig gaben sich ihre Vertreter. Typisch für diese umsichtigen Gottesmänner war der deutschnationale Evangelische Oberkirchenrat Theophil Wurm, der am 6. Dezember 1938 an den Reichsjustizminister mit Bezug auf die Pogromnacht schrieb: „Ich habe von Jugend das Urteil von Männern wie Heinrich von Treitschke und Adolf Stöcker über die zersetzende Wirkung des Judentums auf religiösem, sittlichem, literarischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet für zutreffend gehalten.“ Wurm gehört übrigens zu denen, die nach dem Krieg geachtet waren: Er hatte immerhin geholfen, die Württembergische Landeskirche vor dem Zugriff der Nazis zu bewahren, und sich gegen die Euthanasie ausgesprochen.

Die Katholiken, die ihre Loyalität zwischen Papst und Reich teilen mussten, waren im Schnitt weniger anfällig für die NS-Parolen. Aber anlässlich des Pogroms vom 9. November fiel auch ihren Oberen nichts ein. Es gab keine Direktive aus dem Vatikan: Pius XI. hatte nicht mehr die Kraft, sich gegen seinen mächtigen Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli durchzusetzen, der ihn im Februar 1939 als Pius XII. beerbte. Der aufrechte Münsteraner Bischof Clemens von Galen schickte nach dem Pogrom einen Emissär zur jüdischen Gemeinde: Ob er helfen könne, etwas sagen solle? Die Gemeinde war aber uneins, und so schwieg auch Galen. Die Pogromnacht war aus Sicht des Regimes erfolgreich. Reichsdeutscher Humor feierte Urstände: Die NS-Presse erging sich in sarkastischen Schmähungen der Opfer.

Im Ausland freilich kamen die Berichte der deutschen Auslandskorrespondenten nicht gut an. Ian Kershaw vermutet, dass Hitler deshalb später auch in seinen internen Redeflüssen nicht auf die Nacht des

9. November zurückgekommen sei. Mit dem Ausland wollte Nazi-Deutschland es sich zu dieser Zeit noch nicht verscherzen. Nicht wenige der deutschen Versicherungen, bei denen jüdische Geschäfte eine Police hatten, waren bei ausländischen Versicherungen rückversichert. Einfach die Versicherungen der jüdischen Geschäfte für ungültig erklären kam deshalb nicht infrage. Aber was das alles kostete! Gewohntermaßen, schreibt der Historiker Michael Burleigh, habe Deutschland Flachglas aus Belgien importiert. Allein um die Glasschäden zu beheben, wäre die Hälfte der jährlichen belgischen Flachglasproduktion nötig gewesen.

Hermann Göring, seit 1936 zuständig für den deutschen „Vier-Jahres-Plan“ und damit Chef der deutschen Wirtschaft, war – für einmal – unschuldig: Er erfuhr von dem Pogrom im Schlafwagen und regte sich maßlos auf: Während er den Deutschen anbefahl, rostige Nägel und leere Zahnpastatuben zu sammeln, wurden Werte von vielen Millionen Reichsmark einfach zerschlagen. Zu seiner Befriedigung fand die Reichsführung dann aber eine Lösung: Die Juden mussten für das ihnen zugefügte Unheil aufkommen. Ian Kershaw hält für wahrscheinlich, dass Göring selbst auf diese Idee gekommen war. Eine Milliarde Reichsmark hatten die Juden für die Schäden zu zahlen. Die Zahlungen der Versicherungen gingen an den Staat, nicht an die Geschädigten.

Gleichzeitig wurden Verordnungen erlassen, die darauf hinausliefen, die deutschen Juden aus dem Wirtschaftssystem des Landes herauszudrängen. Sie durften, kurz gesagt, eigentlich nirgendwo mehr arbeiten. Das hatten viele von ihnen schon geahnt und versuchten zu emigrieren. Einmal davon abgesehen, dass aufgrund der „Reichsfluchtsteuer“ und anderer Auflagen selbst betuchte Juden nur eine Art Handgeld ins Ausland transferieren konnten, stand dem auch die Konferenz von Evian entgegen: Da hatten etliche Staaten im Juli 1938 beschlossen, dass sie Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich nicht aufnehmen wollten. Die USA zum Beispiel erklärten, auch künftig lediglich knapp 30 000 Einwanderer pro Jahr aus dieser Gegend anzunehmen.

Am 30. Januar 1939 hielt Hitler im Reichstag eine Rede. Der jüdische Chronist Victor Klemperer notierte in seinem Tagebuch: „…machte Hitler wieder aus allen Gegnern Juden und drohte mit der ,Vernichtung‘ der Juden in Europa, wenn ,sie‘ den Krieg gegen Deutschland heraufbeschwören würden“. Michael Burleigh kommentiert, dass selbst ein wacher Zeitgenosse wie Klemperer „diesen außergewöhnlichen Ausbruch Hitlers“ nur für Rhetorik gehalten habe, dass Klemperer sich nicht habe vorstellen können, was noch kommen würde. Konrad Heiden hat in seinem Buch von 1939 geschrieben: Er glaube, „bewiesen zu haben, dass der Nationalsozialismus die Vernichtung der deutschen Juden plant“. Heidens Buch hatte im Ausland keinerlei Wirkung. Es hatte so wenig Wirkung wie später die Berichte aus den Vernichtungslagern.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Bayern) vom 09.11.2013 – Seite 5
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