Kant & Co.

Deutschland wird von der Einschläferung der Wirtschaft mitgenommen. Andernorts bringt sie millionenfach den Tod. In Deutschland meint man, der Krise anständig zu begegnen. Das ist provinziell gedacht. Über Moral zu Zeiten von Corona.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Das Haus steht in Flammen. Die Feuerwehr rückt an. Alle werden gerettet: der Mann, die Kinder, die Großeltern und sogar der Hund. Alle? Eine fehlt. Obgleich das Gebäude dem Einstürzen nahe ist, rennt der Mann todesmutig in das Inferno, und es gelingt ihm, seine schon ohnmächtige Frau in Sicherheit zu tragen. Sie kommt zu Bewusstsein und flüstert, von Liebe erfüllt: „Dass du das für mich getan hast!“ Ihr Mann antwortet: „Aber Schatz, das hätte ich doch für jede und jeden getan.“

Unter Kennern gilt dieser Witz als der beste Einwand gegen Immanuel Kants universalistische Moral, der zufolge alle Menschen gleiche Achtung verdienen. So muss die Ehefrau mit dem Wissen weiterleben, dass ihr Mann nach dem kategorischen Imperativ gehandelt hat. Er ist ihr nicht als einem geliebten Wesen zur Hilfe gekommen, sondern als einer Schutz verlangenden Person. In der Welt der Pflichten zählt sie nicht mehr, als jeder x-beliebige andere Mensch. Das Grundgesetz mit seinem ersten Artikel – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – atmet Kants Geist. Entsprechend hat die Bundesregierung ihre Politik gestaltet: Wie Covid-19 lebt und sich verbreitet, ist immer noch unklar. Gewiss ist: Das Virus geht an den meisten jungen und gesunden Menschen ohne große Malaise vorbei, bringt indes Alte und Kranke in Lebensgefahr. Man hätte Letzteren raten können, etliche Wochen lang zu Hause zu bleiben. Weil das diskriminierend gewesen wäre, hat man stattdessen das gesamte Gesellschaftsleben und die Wirtschaft auf das Notwendige reduziert.

Immer neue alarmierende Meldungen von regierungsnahen Virologen hatten den stabilisierenden Effekt, dass eine Mehrheit der Bundesbürger die Maßnahmen für angemessen hält. Sobald es aussah, als könne die Krise demnächst halbwegs überwunden sein, haben neue Expertisen die Angst wach gehalten. Und weil die meisten Menschen mit dem Leben nicht spielen, beugen sie sich in die amtlichen Vorgaben. Diese Art von Gehorsam wird „Solidarität“ genannt. Nach dem Holocaust und viel verlogenem Gerede der Mörder, sie hätten ja bloß Befehle ausgeführt, mögen die meisten Deutschen lieber solidarisch sein als lediglich gehorsam. Das ist fein und für den Zusammenhalt der Gesellschaft nützlich.

Die „Einschränkungen“ haben ihren Preis. Kleine Kinder aus so genannten bildungsfernen Elternhäusern werden es schwerer haben, ordentlich lesen und schreiben zu lernen. Das Bruttosozialprodukt und das Steueraufkommen erleben enorme Einbußen. Der Staat nimmt Schulden in einer Höhe auf, wie früher vornehmlich „linke“ Ökonomen es für unbedenklich hielten. Gemeinwesen werden kulturell verarmen, weil der Laden um die Ecke, Gaststätten und Theaterchen nicht wieder auf die Füße kommen. Das finden 370 Gewerbetreibende – darunter viele Gastronomen – nun zwar nicht diskriminierend, wohl aber unfair. Gemeinsam haben sie in diversen Bundesländern eine Klage angekündigt. Ihre Anwälte argumentieren, das Infektionsschutzgesetz (das bisher in der juristischen Klamottenkiste ruhte) kenne zwar „den Anspruch“ von Infizierten, nicht aber den von Gesunden. Die 370 Unternehmer fordern Entschädigung. Wolfgang Schirp, Spezialist für Bank- und Kapitalmarktrecht, greift auf einen Satz aus dem Polizeirecht zurück: Er und Kollegen berufen sich auf einen „Entschädigungsanspruch des unschuldig in Anspruch genommenen Nichtstörers“. Zwei Dinge an dem Satz sind bemerkenswert: Er ist glasklar, wurde nämlich im 19. Jahrhundert formuliert, als Juristen um allseits verständliche Gesetze bemüht waren. Außerdem impliziert die Berufung auf diesen Satz, dass die Anwälte die Maßnahmen gegen Covid-19 nicht in Abrede stellen.

Freunde des Grundgesetzes sind in Sorge: Die Aussetzung bürgerlicher Freiheiten ohne Federlesen könnte ins Repertoire der Exekutive aufgenommen werden. Viele Medien taten diese Sorge als unbegründet ab und monierten, die Bedenkenträger begäben sich in die schlechte Gesellschaft von Rechtsradikalen und Verschwörungstheoretikern. Weitgehend Konsens ist hierzulande: Man sei der Krise gut und anständig begegnet. Dass Deutschland nun anderen EU-Staaten beistehen muss, deren „Shutdown“ sie viel schwerer trifft, wird hingenommen. Eurobonds, die effektiv gewesen wären, um miesen Spekulationen auf den internationalen Finanzmärkten einen Riegel vorzuschieben, wollte man nicht: Damit hätte man sich nämlich ernsthaft verpflichtet. Stattdessen gibt es die Zusage von Fördergeld für den Wiederaufbau, was der deutschen Exportwirtschaft nutzen wird. Man meint, für alle das Beste zu tun.

Immanuel Kant wäre angetan? Nein, das wäre er nicht. Die deutsche Corona-Berichterstattung ist auf die Heimat fixiert, sodann dreht sie sich um die EU. Wenig ist davon zu erfahren, was der globale Shutdown in anderen Ländern bedeutet: In Asien und Afrika wird mit Millionen Hungertoten gerechnet, da Tagelöhner keine Arbeit mehr finden. Arme Staaten haben kein Geld mehr für die Vorsorge gegen Malaria, Tuberkulose und andere endemische Krankheiten.

Die Deutschen und ihre Medien geben sich recht zufrieden. Moralisch im Sinn von Kant ist diese Haltung aber nicht. Kants Universalismus gilt für alle Menschen auf der Welt. In seinem Sinn gibt es hierzulande keinen Grund, zu frohlocken und zu denken: „Ist doch halbwegs glimpflich abgegangen. Was unsere Staatsschulden angeht: Irgendwer wird dafür schon aufkommen; was die Einzelhändler angeht: Schade. Hauptsache, Menschen wurden gerettet“. Nein, Kant fände es wohlfeil, so zu reden. Das weltweite Sterben wegen des Shutdown hat schon begonnen. Deutschland steht sich gut, weil es ein reiches Land ist. Reichtum verschafft alles mögliche, aber nicht Tugend.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 05.06.2020, Seite 22
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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