Pro Brexit

Sonder Zahl sind die Untersuchungen, die ergeben, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU allen Beteiligten schaden wird, zuallererst dem Vereinigten Königreich. Aber einer, der klug und kein Demagoge ist, spricht sich trotzdem dafür aus. Ein Treffen mit Lord Salisbury.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Der Brexit ist eine Gefühlssache: Das meinen viele Deutsche, vor allem jene, die etwas für England übrig haben. Jenseits des Ärmelkanals, so die verbreitete Meinung, herrsche eine insulare Mentalität, in der ein bautechnisches Argument aus dem 17. Jahrhundert – „mein Zuhause ist meine Burg“ – sich verbindet mit maritimen Betrachtungen, wie schon Shakespeare sie äußerte: Er pries „dies Kleinod, in die Silbersee gefasst, die ihr den Dienst von einer Mauer leistet“.

Deshalb, so denken viele EU-Freunde, habe eine gute Mehrheit der Engländer sich von verantwortungslosen, elitären Gutverdienern, die als Politiker auftreten, einen Bären aufbinden lassen und glaubten alles, was ihnen versprochen wurde: Wenn das Vereinigte Königreich nicht mehr netto in die EU einzahlen müsse, würde unendlich viel Geld eingespart, das dann dem Gesundheitsdienst zugute kommen werde; endlich frei von der EU, werde das Land viel bessere Handelsbeziehungen mit aller Welt aufbauen können. Das war – von Anfang an ersichtlich – teils lügenhaft, teils unfundiertes Zukunftsgesummse. Vor die naheliegende Wahl gestellt, ob die Engländer ihren Verstand verloren haben oder emotional-national sind, wählen Anglophile das Zweite.

Rein gefühlsmäßig zu entscheiden, kann sich Robert Gascoyne-Cecil, der siebte Marquess of Salisbury, nicht leisten: Er besitzt ausgedehnte Ländereien in England samt mehr als 40 000 Schafen; sein Hauptgeschäft ist die Bewirtschaftung etlicher Immobilien in London und anderswo. Ihm gehören etliche Häuser um Londons Leicester Square, die er zusammen mit dem Platz hat aufmöbeln lassen. Außerdem besitzt er mehr als ein historisches Landpalais. Der Öffentlichkeit zugänglich ist Hatfield House, von dem einige Bauteile aus den 1480er-Jahren noch stehen, der Rest wurde zusammengeklopft, um Anfang des 17. Jahrhunderts einen Neubau zu errichten. Elizabeth I. wurde in Hatfield House großgezogen und empfing ebendort 1558 die Nachricht, sie werde nun Queen. Da muss das Dach natürlich in Schuss gehalten werden. Also: Lord Salisbury schaut aufs Geld. Und trotzdem ist er für den Brexit.

Das Treffen mit ihm findet statt in seinem Stadthaus in London. Die Einrichtung ist nicht pompös im Empire-Stil, sie ist englisch-alt und gediegen-elegant. Drei Hunde kommen zur Begrüßung: ein großer, ein mittelgroßer und ein kleiner kuscheliger. Was Europa angeht, hätte der Lord lieber die kleine Variante gehabt, nämlich, wie er sagt, „Europa à la carte“. Schon als er noch gewählter Tory-Parlamentsabgeordneter im Unterhaus war, hat er 1975 gegen Großbritanniens Beitritt zur EG gestimmt.

Wo die EU nun aber besteht, argumentiert er, besser wäre es gewesen, den Staaten vorzuschlagen, bei welcher Initiative sie mitmachen wollen: „Wissenschaft, Verteidigung, ach fast alles: Darüber hätten die Länder, die mitmachen wollen, sich verständigen können.“ Was ihm missbehagt, ist die „Top-Down-Demokratie, dieses napoleonische Gebilde“. Damit spielt er an auf Frankreich und seinen Präsidenten Macron: Der wolle sein Land in Wahrheit nicht reformieren, seine Europa-Politik ziele bloß darauf ab, Frankreich von Deutschland und anderen Ländern alimentieren zu lassen.

Lord Salisbury spricht, als wenn er eben das neue Buch des akklamierten Historikers Peter Frankopan gelesen habe. Es heißt „Die neuen Seidenstraßen“ (Rowohlt-Berlin). Frankopan legt dar, dass vor 1000 Jahren die Mitte der Welt im asiatischen Raum gelegen habe. Was seither an Macht und Einfluss vom Westen übernommen wurde, werde nun zurückgeholt. Darauf müsse sich die westliche Welt einstellen. Entsprechend denkt Robert Gascoyne-Cecil, dass nach der ersten industriellen Revolution um 1800 nun eine zweite, eine digitale Revolution im Gange sei. Und die EU ist seiner Ansicht nach nicht in der Lage, die Herausforderungen aus dem asiatischen Raum zu meistern. Deshalb müsse Großbritannien die Anker zur EU lösen, um sich frei flottierend bewegen zu können: „Dann kann Originalität Funken schlagen. Mit der EU sind wir in einer Sackgasse.“

Der britische Außenminister Jeremy Hunt hat neulich der BBC schlankweg erklärt, Großbritannien sei eine „globale Macht“. Lord Salisbury für seinen Teil will gar keine globale Macht vertreten. Seine Vorfahren kamen aus Wales: „Im Mittelalter waren wir Gangster. Wir kamen aus Wales, quasi im Tross von Heinrich VII., im 15. Jahrhundert nach London, um uns dort besser zu stellen.“ Was er will: Sein Land soll frei wirtschaften können, ohne Rücksicht auf Auflagen der EU.

Lord Salisbury konzediert, dass die EU gar nicht allzu viel Einfluss auf britische Belange genommen habe. Die Einwanderungspolitik wurde von der EU bestimmt – was dazu geführt hat, dass Leute aus osteuropäischen Ländern kamen, die machen, wozu kein Brite mehr Lust hat: Erntearbeit für wenig Lohn zum Beispiel. Der Lord sieht das auch so. Ein anderer Punkt: Ohne die Wettbewerbsvorschriften der EU wäre womöglich die britische Regierung auf die Idee gekommen, marode Unternehmen von staatlicher Seite über Wasser zu halten. Auch dem stimmt Lord Salisbury zu.

Auf die Frage, wie der Lord sich Großbritanniens Zukunft vorstellt, sagt er: Das Land müsse steuertechnisch mit anderen Ländern konkurrieren, so dass Unternehmen sich im Vereinigten Königreich ansiedeln mögen. Er votiert für den internationalen Wettkampf in der Sparte: wo werden die wenigsten Steuern fällig? Ob das den normalen Beschäftigten etwas bringt und ob das langfristig eine gute Idee ist? Man mag es bezweifeln. Die Zweifel kommen an dieser Stelle in zwei Wochen zur Sprache.

 


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 16.05.2019
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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