Corbyns Glanz und Elend

Der alte Mann, den die Jungen lieben: Das ist Jeremy Corbyn. Er bringt die wirtschaftlichen Sorgen der Briten zur Sprache. Deshalb wurde er von der Basis zum Parteichef gewählt. Aber er macht nichts draus.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Prinz Philip, der 97 Jahre alte Gemahl der Queen, legt das Wort „Freihandel“ für sich selbst ungefähr so aus: Er will frei handeln können. Dazu gehört: selbst Auto zu fahren. In der vergangenen Woche verursachte er einen Verkehrsunfall, bei dem sein Land Rover auf der Seite landete, auf der Fahrerseite. Die Scheiben waren zerborsten, ein Passant half dem Duke of Edinburgh aus dem Fahrzeug. Nachdem dieser sich versichert hatte, niemanden totgefahren zu haben, stapfte er in die Gegend. Auf einem Foto, das da von ihm gemacht wurde, sieht er – freundlich gesagt – ziemlich in sich gekehrt aus.

In sich gekehrt ist auch die Premierministerin Theresa May, was aber nicht bedeutet, dass sie in sich gegangen wäre. Die krachende Niederlage im Unterhaus, die sie bei der Abstimmung über ihren Brexit-Vertragsvorschlag erlebte, hätte andere Premierminister zum Rücktritt bewogen. Nicht so Frau May. Sie sei enorm pflichtbewusst, heißt es, und wolle den Brexit nun zu einem guten Ende bringen. Andere glauben, ihr komme es vornehmlich darauf an, ihre Partei nicht zu spalten.

Weil die Tories im Unterhaus und die Minister der Tory-Partei längst schon alle miteinander verfeindet sind, lässt sich Mays Haltung als standhafte Zinnsoldatin (für diesen Begriff ein Dankeschön an den Märchenerzähler Hans Christian Andersen) am besten damit erklären, dass sie nichts anderes hat als Durchhaltevermögen. Sollte sie irgendeine Überzeugung haben, die mit dem Status quo im Vereinigten Königreich nicht komplett kompatibel ist, sei sie gesellschafts- oder wirtschaftspolitischer Natur, hat sie das gut verborgen. Deshalb scheitert sie an der Brexit-Frage: Da gibt es bekanntlich keinen Status quo.

Mays Gegenspieler ist der 69 Jahre alte Jeremy Corbyn, der Chef der Labour-Partei. Jahrzehntelang gehörte er zu Hinterbänklern im Unterhaus. Aber die Frustration, die damit einherging, hat ihn nicht entmutigt. Gegen den Wunsch seiner maßgeblichen Parteigenossen hat er den Vorsitz errungen. Das war möglich, weil längst vor seiner Kandidatur die Modalitäten der Wahl des Parteivorsitzenden geändert worden waren: Jeder konnte sich für drei Pfund Sterling bei der Labour-Partei als Wähler registrieren lassen. Das taten viele. Hinzu kommt: Seitdem Corbyn als Labour-Spitzenkandidat für die Unterhauswahlen von 2017 durchs Land reiste, hat die Labour-Partei mehr als 200 000 neue Mitglieder.

Im englischen Pressewesen – das gilt für so gut wie alle seriösen Zeitungen und auch für die Krawallmacher – wird Corbyn, je nach Laune, als alter Sozialist ohne Verständnis für die ökonomischen Umstände der Gegenwart, als Marxist, als Freund von Diktatoren, ja als Landesverräter abgetan. Am Freitag publizierte die Daily Mail – sie gehört zu den Krawallmachern – ein Foto von Corbyn: Da ist er zusammen mit Syriens Präsident Baschar al-Assad zu sehen. Darunter ist in großen Buchstaben zu lesen: „Syrischer Schlächter“. Immerhin erwähnt die Daily Mail, dass das Foto von 2009 datiert – das war zwei Jahre bevor der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, in einer Zeit also, als Assad noch salonfähig war. Was aber bei den Lesern hängen bleiben sollte: Corbyn sei gut Freund mit menschenverachtenden Tyrannen.

Kenner sagen, dass politische Manifeste in aller Regel nicht gelesen werden. Bei Corbyns Manifest für die Unterhauswahl von 2017 sei das anders gewesen. Die Leute lechzten nach guten Aussichten. Corbyn plädierte unter anderem dafür, viele neue Wohnungen zu bauen, einen Mindestlohn von zehn Pfund pro Stunde einzuführen, Studiengebühren abzuschaffen und den britischen Gesundheitsdienst NHS wieder auf die Füße zu bringen. Außerdem hält Corbyn die Privatisierung der Grundsicherung (Eisenbahn, Straßen, Gesundheitsdienst und anderes) für falsch. So weit zu seinem „Marxismus“. Aus deutscher Sicht ist Corbyn bloß ein ordentlicher Sozialdemokrat. Seitdem der Labour-Premierminister Tony Blair von 1997 bis 2007 Thatchers Politik fortgesetzt hat, wirkt einer wie Corbyn wie aus der Welt gefallen.

Das Tor steht Corbyn offen. Er hat vernünftige wirtschaftspolitische Ansichten. Die Briten sind es leid, die seit Jahren laufende Umverteilung des Geldes von unten nach oben weiter mitzumachen. Junge Leute haben das beim Heranwachsen miterlebt. Sie träumen nicht vom ehemaligen Kolonialreich Großbritannien; sie wollen einen gerechten Staat. Deshalb hat Corbyn gerade bei den Jungen viele Anhänger. Verwunderlicherweise macht er nichts daraus.

Corbyn ist zwar ein Kämpfer, aber nach Jahren auf den Hinterbänken des Unterhauses konnte er sich nicht vorstellen, je Spitzenkandidat zu werden. Jetzt ist er in der Hand von Beratern, die schon in den 1980er- und 1990er-Jahren Labour-Politikern (nicht immer glücklich) den Weg gewiesen haben. Unklar ist, ob er etwas sagt oder nicht sagt, weil seine Berater es ihm so einflüstern. In Deutschland verlieren auch Geschwister im Geist die Geduld mit diesem Mann.

Corbyn schafft es nicht, sich zum Brexit zu äußern, zu den für Britannien katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen, sollte es zu einem Austritt aus der EU ohne Vertrag kommen. Für die Europäische Union hat er wenig übrig, ihr Gefüge hält er für zu „neoliberal“. 56 Prozent aller Briten wünschen ein neues Referendum über den Verbleib in der EU, unter den Labour-Anhängern sind es 78 Prozent. Zu Recht wird gesagt, bei der Abstimmung 2016 hätten die Leute doch gar nicht gewusst, worum genau es ging. Corbyns Truppe scheint aber lieber auf Neuwahlen zu setzen. Wenn indes Corbyn weiterhin so tut, als gehe der Brexit ihn nichts an, wird es bei neuen Wahlen für ihn sehr eng werden.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 25.01.2018 – Seite 18
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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