Wenig Licht, kaum Hoffnung

POLITISCHES BUCH

Steve Coll hat den Krieg in Afghanistan durchleuchtet. Den USA weist er zahllose Fehler und Irrtümer nach

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Viele meinen, afghanische Männer würden aus Lust in den Kampf ziehen, begeisterten Sportlern vergleichbar. Kommt das Frühjahr, holt man die Waffen raus und sucht den Feind. Das mag nicht völlig falsch sein, lässt aber außer Acht, dass Afghanistan vor dem Einmarsch der Sowjettruppen 1979 lange Zeiten des Friedens erlebte.

Seit 1945 wurden Bürgerkriege immer mehr in die Länge gezogen. Wissenschaftler von der Stanford University haben die Jahre gezählt. Besonders arm dran ist Afghanistan: Nach dem Abzug der Sowjettruppen 1989 bekämpften heimische Milizen einander, von denen etliche auch über das Ende des Kalten Krieges hinaus von den USA großzügig unterstützt wurden.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wäre ein internationaler, gut bewaffneter polizeilicher Einsatz gegen den in Afghanistan versteckten Saudi Osama bin Laden und al-Qaida angemessen gewesen. Weil das aber die verletzte amerikanische Seele nicht befriedigt hätte, votierten Präsident George W. Bush und seine Ratgeber ad hoc für einen Krieg. Dieser Krieg der USA und der Nato war zwar nicht völkerrechtswidrig, beruhte aber auf einer falschen Prämisse: denn der Staat Afghanistan hatte die USA nicht angegriffen. Wie der Journalist Steve Coll zeigt, haben die USA den Krieg seither fast durchweg miserabel geführt: Kenntnislosigkeit der örtlichen Verhältnisse, egomanisches Berserkertum, Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung (vielfach mörderisch), Konkurrenzstreitigkeiten zwischen zuständigen Stellen, mangelnde Strategie und Desinteresse an Afghanistan ergänzten einander.

Steve Coll, er gehört zur Redaktion des New Yorker, kennt sich aus wie kaum ein Zweiter. Seit vielen Jahren bereist er Afghanistan; Hunderte Interviews mit Militärangehörigen und Politikern aus dem Westen sowie mit Afghanen und Pakistanis hat er geführt. Ohne rhetorische Pointen lässt er die Fakten für sich sprechen. Er beschreibt, warum es in diesem Krieg auf die Afghanen gar nicht so sehr ankam. Das Land hatte das Pech, ein Spielball der Geopolitik zu werden. In Wahrheit dreht sich alles um Pakistan. Daher auch der Titel des Buches, „Directorate S“, womit die Abteilung des pakistanischen Geheimdienstes ISI bezeichnet ist, die sich mit Afghanistan befasst.

Geopolitisch nimmt sich die Lage – kurz gesagt – so aus: Die Regierungen von Pakistan und Indien hassen einander. Fragt sich also, wer von beiden in Afghanistan mehr zu sagen hat. Fragt sich aus pakistanischer Sicht, mit wem von beiden die USA besser stehen: Als die USA 2006 mit Indien ein Abkommen bezüglich der friedlichen Nutzung von Kernenergie abschlossen, war man in Islamabad entsetzt.

Der Krieg der USA entmachtete die islamistischen Taliban, die in den 90er-Jahren die Herrschaft in Afghanistan übernommen und dann Osama bin Laden im Land hatten Unterschlupf finden lassen. Die Taliban rekrutieren sich zu einem großen Teil aus Paschtunen. Deren viele leben auch in Pakistan. Also haben der pakistanische Geheimdienst sowie diverse Staatschefs die Taliban heimlich gefördert – in der Hoffnung, auf diese Weise Indien aus dem Spiel zu kegeln. Das hat den Bürgerkrieg in Afghanistan verlängert.

Die Rolle der USA dabei ist durchaus undankbar: Einerseits haben erfahrene Unterhändler – der verstorbene Richard Holbrooke war nur einer von ihnen – sich bemüht, Pakistan (sei es sein Geheimdienst ISI, sei es die Regierung, die beide nicht immer zusammenarbeiten) zu nötigen, den Taliban für Anschläge in Afghanistan keine Unterstützung mehr zu gewähren. Andererseits hat Pakistan Atomwaffen. Die Machthaber so eines Landes muss man mit Glacéhandschuhen anfassen: Was wäre, wenn es dort einen Umsturz gäbe? Außerdem hat Pakistan seit Langem als zuverlässig US-freundlicher autoritärer Staat in der Region gegolten. Also haben die USA zugesehen, wie der pakistanische ISI alles tat, um die Taliban in Afghanistan stark zu machen. Sie haben nichts dagegen unternommen. Sie haben über ihre Finanzierung des ISI sogar dazu beigetragen.

In Afghanistan hatten die USA Ende 2001 mit Zustimmung der Nato-Staaten den dann wenig später zum Präsidenten gewählten Hamid Karsai quasi inthronisiert. Man mag in Washington gemeint haben, der habe Auslandserfahrung, sei verlässlich und interessiere sich im übrigen vor allem für seine ethnische, von einem italienischen Modeschöpfer entworfene Kleidung. Dummerweise übersahen die Amerikaner drei Dinge: Karsai hatte nie Macht über das ganze Land; er war immer auf den Ausgleich mit Warlords angewiesen. Zum Zweiten hatte Karsai nicht die Fähigkeit und kein Interesse daran, die wachsende Korruption einzudämmen. Je mehr westliches Geld ins Land floss, desto mehr Korruption gab es. Karsais (2011 ermordeter) Halbbruder Ahmed Wali profitierte vom Drogenhandel, der wieder bestens floriert, seitdem das Taliban-Regime nicht mehr regiert, das den Mohnanbau zusammen mit Musik, Kino und Wissenschaften unterbunden hatte.

Dass afghanische Bauern mangels anderer Erwerbsmöglichkeiten wieder auf den Anbau von Mohn verfielen, hätten die US-Regierung und ihr Militär noch hingenommen. Schlimm war aber in ihren Augen, dass Karsai zunehmend klinisch paranoid zu werden schien: Er haderte mit den US-Vertretern in Kabul, beschimpfte sie und erklärte, die Taliban seien nicht seine Feinde, sondern seine „Cousins“, von denen viele lediglich von Pakistan indoktriniert worden seien. Coll meint allerdings, Karsai habe seine amerikanischen Besucher dermaßen geschickt gegeneinander ausgespielt, wie eigentlich nur mental Gesunde es zuwege bringen. Was die USA, drittens, übersehen hatten, war laut Coll, dass Karsai um sein Leben gefürchtet habe: Genug Drohungen von Seiten der Taliban hatte er erhalten.

Seitdem die USA und andere den Großteil ihrer Truppen aus Afghanistan abgezogen haben, figuriert das Land nicht mehr prominent in den westlichen Nachrichten. Im vergangenen Jahr hat Präsident Trump verkündet, das US-Militär werde in Afghanistan präsent bleiben. Das deutsche – da noch geschäftsführende – Bundeskabinett erklärte Anfang März für die Bundeswehr das Gleiche, denn „nicht in allen Landesteilen“ gebe es eine „handlungsfähige Regierung“. Damit ist, so Coll, umschrieben, dass größere Städte zwar geschützt sind; aber Überlandstraßen und ländliche Regionen würden von diversen militanten Klanführern regiert, unter ihnen viele Taliban. Die Fehler der USA sind erschreckend vielfältig. Coll schildert sie alle. Als George W. Bush den Krieg gegen Afghanistan begann, wollte er al-Qaida ausradieren. Was später aus Afghanistan werden solle, war ohne Belang. Die damaligen Angebote der Taliban, mit den USA zu verhandeln, wurden in Washington schnell abgeschmettert. Lieber verständigte man sich – via CIA – mit anderen Warlords. Jahre später kamen die Strategen in Washington auf die Idee, der 2009 frisch entsandte General Stanley McChrystal, der neue Kommandeur der vereinigten Streitkräfte in Afghanistan, solle nun anwenden, was im Irak kurz zuvor einigermaßen funktioniert hatte: Es gelte, Aufruhr niederzuschlagen und gleichzeitig die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen. Dass der Irak, anders als Afghanistan, bis 2003 von einer zwar diktatorischen, aber funktionierenden und weitgehend säkularen Zentralregierung beherrscht wurde, interessierte nicht.

Der Unterschied, wer Feind ist und wer Zivilist, hat sich in Afghanistan verflüchtigt. Die US-Marines hielten die 2010 anhebende Charmeoffensive denn auch für eine Schnapsidee: Man könne nicht gleichzeitig nett sein zu aggressiven Gegnern und sie töten.

Am schlimmsten für das Schicksal von Afghanistan, schreibt Coll, sei der Umgang der USA mit Pakistan gewesen: Glaubten die Regierenden wirklich, fragt er, „dass Afghanistans Unabhängigkeit und Stabilität wichtiger seien als ein stabiles Pakistan“? Kein Wunder ist es, dass Pakistan sich seit Längerem um gute Beziehungen zu China bemüht. Coll weiter: Warum hätten die US-Regierungen hingenommen, „dass der pakistanische Geheimdienst die Taliban subventionierte, obwohl das den amerikanischen Interessen zuwiderlief“? Als das Zweitschlimmste betrachtet Coll den fatalen Einmarsch der USA im Irak 2003: Das wurde in der muslimischen Welt als Beweis dafür genommen, dass die USA den Islam bekämpfen.

Afghanen haben genug schlechte Erfahrungen mit den Westlern gemacht: immer wieder unachtsam und nebenbei getötete Zivilisten, die wachsende Korruption, demütigende Hausdurchsuchungen auch in den Frauenräumen, generell: Missachtung der Sitten des Landes. Wenn sie schon kujoniert werden, denken viele, dann lieber von den Taliban als von fremden Eindringlingen. „Wir sind hier schon viel zu lange“, sagte ein US-Offizier privatim zu Coll, „alle hassen uns. Es ist hoffnungslos.“


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 30.04.2018 – Seite 15
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