Mickymaus in Iran

Iran ist ein reiches Land. Seit der Revolution 1979 hat das Ayatollah-Regime die Religion aber über die wirtschaftliche Entwicklung gestellt. Darunter leiden die Wirtschaft und viele Iraner. Sehr viele hätten gern bessere Kontakte zum Ausland.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Seit der iranischen Revolution 1979, die Ayatollah Khomeini dazu nutzte, Iran zu einem religiös bestimmten Staat zu machen, gelten die USA als der „Große Satan“. Der böse Satan ist eine seit Jahrhunderten bekannte Figur in Iran. Abgebildet wurde er traditionell allenfalls als dunkle Wolke. Freilich, je mehr die Iraner genug haben von ihrem religiösen Regime, desto beliebter ist eine Verkörperung des heutigen „Großen Satans“. Er hat riesig-runde schwarze Ohren, die auf Werbeplakaten in die Gegend lugen: Mickymaus ist beliebt in Iran. Mögen der Oberste Religionsführer Chamenei und die iranischen Hardliner die USA noch so sehr verteufeln: Den Iranern geht das an den Ohren vorbei.

Im Westen macht man sich falsche Vorstellungen von Iran. So ist aus bestinformierten Quellen zu hören, dass in Iran Twitter und Facebook sowie Satellitenschüsseln verboten seien. Das alles stimmt nicht. Jeder Iraner kann twittern und facebooken; und Satellitenschüsseln sind nützlich für alle, die zum Beispiel BBC World anschauen wollen.

Die Diskrepanz, hier religiöse Überheblichkeit, da pragmatische Fügung ins gegebene Weltgeschehen, kann Irans Führung sich leisten. Es ist ein Land mit großer Tradition, es ist ein reiches Land. Das wissen auch die geistlichen Führer. Dummerweise hat die religiöse Führung des Landes von Anfang an von Wirtschaft nichts verstanden. Man setzte auf das, was man hatte: Ölförderung, dann kam Gasförderung dazu. Was Iran zum Vorteil gereicht: Anders als ihre arabischen Nachbarn haben die Perser Industrie entwickelt. Schon 1935 flossen 25 Prozent der Staatseinnahmen in den Aufbau von Betrieben.

Seit der Revolution 1979 ist ökonomisch nicht viel passiert. Jetzt steht Iran hinterm Mond. Zu hören ist: Auf den Straßen fahren Mercedes-Laster aus den 70er-Jahren und viele alte Peugeots, die in Lizenz gebaut wurden. Das ist auch dem heutigen Revolutionsführer Chamenei aufgefallen, weshalb er dem 2013 gewählten reformerischen Staatspräsidenten Hassan Rohani intern den Rücken gestärkt hat. Nach außen hin, das gehört sich so, hat er Rohani natürlich getadelt, den Mann, der auf gute Kontakte zum Ausland setzt. Denn in Artikel 3 V der iranischen Revolutionsverfassung ist die Unabhängigkeit von ausländischem Einfluss zum Staatsziel erhoben worden. Artikel 43 VIII sieht vor: die „Verhinderung einer ausländischen Vorherrschaft über die Wirtschaft des Landes“.

Irans Atomprogramm half, den Geist der Verfassung umzusetzen: Seit 2002 hat es Kalamitäten mit dem Westen gegeben, weil Präsident Bush Junior Iran zu den „Schurkenstaaten“ zählte. Und das, obwohl Iran nach den Attacken von 2001 die USA dabei unterstützte, die Taliban in Afghanistan zu bekriegen. Wie dem auch sei – der Geist von US-Präsidenten ist unerforschlich –, Iran hat das nicht gutgetan. Sanktionen haben die Wirtschaft des Landes geknebelt. Der Präsident Mahmud Ahmadinedschad, der Iran von 2005 bis 2013 führte, hat alles dazugetan, dass die Sanktionen immer schärfer wurden. Ahmadinedschads Regierungsweise wird beschrieben als Mischung von Unfähigkeit und Klientelismus. Deshalb haben die Iraner 2013 Hassan Rohani und dessen Technokraten gewählt. Wie die Wahlen am 19. Mai ausgehen und ob sie gefälscht werden: Es ist nicht abzusehen.

Ayatollah Chamenei hat sich unlängst öffentlich von seinem Präsidenten Rohani distanziert. Das Problem des 77 Jahre alten Revolutionsführers besteht darin, dass er einerseits Iran als religiös bestimmten Staat hinterlassen möchte, und dass er andererseits weiß: Ohne Investitionen aus dem Ausland – in die Ölförderung, in die Gasförderung, in Entsalzungsanlagen, in Solarenergie – wird sein Land auf keinen grünen Zweig kommen.

Das ist übrigens buchstäblich zu verstehen: 95 Prozent des Oberflächenwassers in Iran sind verschwunden. Viele Flüsse führen kaum mehr Wasser. Wo früher keine Wüste war, gibt es sie heute. Das Grundwasser wird ausgebeutet, unwiederbringlich. Die Grundwasser-Kavernen werden leergepumpt, die Erdschicht oben drüber gibt nach: Im Süden Teherans sind Häuser deshalb ein paar Zentimeter nach unten gerutscht, sodass die Einwohner ihre Türen nicht mehr öffnen konnten.

Der Nuklearvertrag, den Rohani mit dem Westen ausmachte, hat vieles gebessert. Die USA und ihre westlichen Verbündeten hatten sich zuvor so ungeschickt verhalten, dass in Iran die Idee aufkam: Jegliche Form von Umgang mit Atomenergie sei dem Land vom Westen verboten. Rohani hat gut verhandelt. Seit Anfang 2016 sind die meisten Sanktionen aufgehoben. Es gibt Kontakte zu westlichen Banken, Geld kann überwiesen werden.

Allerdings: Nicht jede Bank hat das mitbekommen. Ein deutsches Institut zum Beispiel verhielt sich feige und unprofessionell: Kurz nach der Wahl Donald Trumps hatte die Filiale eine innerdeutsche Überweisung nicht angenommen, weil auf dem Schein unter der Rubrik „Verwendungszweck“ das Wort „Iran“ angegeben war. Bleibt zu hoffen, dass Rohani seine zweite Amtszeit antreten kann und dass das dann auch deutsche Banken mitbekommen.

Drei Dinge braucht Iran. Es fehlt an guten Managern. Die meisten großen Staatsbetriebe werden von „verdienten“ Mitgliedern der Revolutionsgarden geleitet, die sich nicht auskennen. Zweitens: Man weiß in Iran, dass man von fossiler Energie auf erneuerbare Energie umschalten muss; dafür ist es hohe Zeit. Drittens: Viele iranische Frauen sind bestens ausgebildet und sachorientiert; der Jahrmarkt der Eitelkeiten interessiert sie wenig. Gesetzlich ist verankert, dass Frauen Unternehmen gründen dürfen; für Irans Wirtschaft gilt: Mehr Frauen braucht das Land.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 28.05.2017 – Seite 16
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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