Abschied von Europa

Der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej über das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig

VON FRANZISKA AUGSTEIN

SZ: Sie sind Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Was ist das Besondere an dem Museum?

Włodzimierz Borodziej: Vermutlich ist es europaweit das erste Museum, das den Krieg in all seinen europäischen Zusammenhängen, auch den osteuropäischen darstellen will. Japan und China werden übrigens ebenfalls thematisiert. Zweitens: Selbst im Vergleich mit großen westeuropäischen Einrichtungen ist es ein großes Projekt – das Flaggschiff einer liberalen Geschichtspolitik in Ostmitteleuropa. Und zum Dritten geht es darum, die polnische Geschichte einzubetten in die europäische Geschichte.

Die gegenwärtige polnische Regierung will das Konzept für das Museum ummodeln. Warum?

Sie ist dagegen, die Geschichte des Krieges umfassend, also als ein europaweites Ereignis zu zeigen; eine Katastrophe, in deren Folge noch mehr Zivilisten litten als Soldaten. Beiläufig erklärt der Kulturminister, das Museum sei zu teuer – aber das ist lediglich ein Vorwand. Die Regierung will wohl ein Museum über Polen im Zweiten Weltkrieg, mit Soldaten und Résistance-Kämpfern als Dominante. Alles, was darüber hinausgeht, passt offenbar nicht.

Das erinnert an Museen in Russland und Weißrussland, die der nationalen Ertüchtigung dienen sollen, indem sie Mythen in Szene setzen. Versuchen wir, das positiv zu sehen: Was ist gegen Mythen einzuwenden? Sie selbst haben geschrieben, nicht die europäischen Mythen seien problematisch, sondern vielmehr der Umstand, dass es so wenige gibt. Was ist gegen polnische oder andere osteuropäische Mythen einzuwenden? 

Polnische oder osteuropäische? Jede Gesellschaft braucht Mythen. Jede setzt sich mit ihnen auseinander und diese Diskussionen sind Zeugnis ihrer – der Gesellschaft – Qualität. Ich glaube, jeder regimekritische Russe oder Belorusse würde diesem Satz zustimmen. Anders: Würden Sie eine solche Frage einem Niederländer oder Briten stellen? Das Beängstigende an dem vergangenen halben Jahr ist, dass Polen immer seltener mit dem westlichen Europa verglichen wird, zu dem es gehört. Russland und Belarus sind nun wirklich nicht die Bezugspunkte, für die wir seit 1989 arbeiten.

Polens Kulturministerium ließ verlautbaren: Es gelte, die besonders tragische Geschichte Polens herauszustellen. Als ich das Museum im vergangenen Herbst besuchte, schienen mir die polnischen Aspekte des Zweiten Weltkriegs gut beleuchtet zu sein.

Mir auch. Man kann sich gut vorstellen, dass der Kulturminister und seine Stellvertreter solche Äußerungen tun, ohne das Drehbuch der Ausstellung zu kennen. Schade, denn Lesen ist immer besser als Nichtlesen. Die bisherige Stärke des Projekts, dass es finanziell ein rein polnisches Unternehmen ist, wirkt sich nun zu seinem Nachteil aus: Die Regierung kann sich alles zurechtrücken, personell wie weltanschaulich.

Bevor die Pis-Regierung ans Ruder kam, haben die Mitarbeiter des Museums gefürchtet, dass ihre Arbeit im Fall der Wahl von Pis behindert oder ummöglichgemacht werde. Was plant die Regierung jetzt?

Am 15. April hat der polnische Kulturminister bekannt gemacht, er wolle das Museum des Zweiten Weltkriegs mit dem mehr oder minder nicht existenten Museum der Westerplatte – es geht da um die sieben Tage der Verteidigung der polnischen Enklave in Danzig – zusammenlegen. Daraufhin gab es aber weltweite Proteste. Die nächste Bekanntgabe des Kulturministers lautete dann: Er wolle den Namen „Museum des Zweiten Weltkriegs“ beibehalten, aber die Museen immer noch zusammenlegen. Nach polnischem Recht heißt das, dass damit sämtliche Arbeitsverträge der Direktion aufgelöst sind. So kann die jetzige Leitung des Museums durch Leute ersetzt werden, die der Regierung in Warschau besser passen.

Wird es dazu kommen?

Ja.

Das heißt, das gesamte Konzept des Museums würde geändert werden? 

Die Dauerausstellung kostet mehrere Millionen Euro, wie es heute bei großen Projekten üblich ist. Sollten der Kulturminister oder der neue Direktor einen Umbau wollen – Kollaboration in Frankreich und anderswo raus, dafür mehr über den polnischen Widerstand; Opfer der Bombenangriffe überall in Europa und in Japan raus, dafür mehr über die 1. Polnische Panzerdivision an der Westfront – wäre dies ein enorm kostspieliges und zeitraubendes Unternehmen. Dennoch: Eine Provinzialisierung der Ausstellung ist machbar. Die Regierung führt es ja in anderen Bereichen vor: Ungeachtet der Kosten ist alles machbar, wenn genug politischer Wille dahinter steht.

Wann wird das Museum eröffnet?

Ich halte eine Eröffnung im September, wie mal geplant, für wenig realistisch und würde eher auf Anfang 2017 tippen – falls das Konzept der Dauerausstellung beibehalten wird. Falls nicht, versagt meine Fantasie.

An dem unglücklichen Geschick des Museums kristallisiert sich das gesamte Problem, das Polen hat mit Europa?

Nicht Polen, sondern die polnische Regierung! Der Kulturminister macht vorsätzlich ein beachtliches, vor dem Abschluss stehendes liberales Projekt kaputt. Statt einer europäischen Perspektive der Jahre 1939 bis 1945 soll eine ausschließlich nationale gezeigt werden. Offenbar glaubt man, damit die Identität der eigenen Wählerschaft stärken zu können – als ob diese sich nicht ständig mit Europa vergleichen würde, als ob sie ohne die EU leben könnte.

Wie geht es denn weiter mit Polen in Europa?

Historiker sind bekanntlich schlechte Propheten. Aber gut – meine Prognose ist düster. Die von uns gewählten Vertreter des Volkes sind im Begriff, uns geistig aus der Europäischen Union auszuschließen; bislang ziemlich erfolgreich.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 19.05.2016 – Seite 13 – FEUILLETON
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