Hudeln, bügeln, präsentieren.

Über den Film „Deutschlands First Ladies“

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Unkritisch-schwelgerische Promiverehrung ist durchaus üblich. Sportler, Sänger oder auch Bärenbabys kommen in ihren Genuss. Nun sind die elf Frauen der bisher elf Bundespräsidenten dran. In Jobst Knigges Film werden sie als „First Ladies“ bezeichnet, das klingt schicker als „Erste Dame im Staat“. Der Film stellt über alle fest: „Sie waren ihrer Zeit voraus und die Stütze der Bundespräsidenten.“ Dann wird nahegelegt, sie hätten „Deutschland nachhaltig geprägt“.  Als offizieller Beitrag des Bundespräsidialamts zum Wettbewerb „Schmeichelzunge 2016“ hätte der Film durchaus Chancen. Nur dass es so einen Wettbewerb nicht gibt und das Bundespräsidialamt so einen Film nicht produzieren würde. Man ist dort lieber diskret. Außerdem sind die Frauen der Präsidenten verfassungsrechtlich nicht vorgesehen. Sie bekommen ein Büro samt Sekretärin und Referent. Aber jenseits ihrer öffenlichen Auftritte sind PR-Aktionen nicht drin. Da mussten der WDR und Jobst Knigge einspringen.

Drei Dinge bringen den Film auf das gewünschte Niveau herunter: Die Auswahl der permanent eingespielten Musikschnippsel ist ebenso abwechslungsreich wie stimulierend. Nichts und niemand wird verschont. Auch die Bilder von dem 1967 erschossenen Studenten Benno Ohnesorg werden mit ansprechender Musik untermalt; offenbar kam niemand auf die Idee, das könne unschicklich sein.  Der Sprecher verfügt über eine ausgesprochen suggestive Stimme. Die wird so erfolgreich eingesetzt, dass die Interviews mit früheren Beamten des Bundespräsidialamts zu den Highlights des Films gehören: Endlich redet da jemand normal. Und zum Dritten wird in den Kommentaren glattgebügelt, was mit Lobhudelei nicht vereinbar ist.

Der jetzige Leiter des Bundespräsidialamts, der in dem Film nicht auftritt, beschreibt die  tatsächlichen Möglichkeiten der Ersten Damen so: Sie dürften ihren Beruf fortführen, sofern der mit den Aufgaben des  Bundespräsidenten inhaltlich nichts zu tun hat (daher gab Gaucks Lebensgefährtin ihre Arbeit als Journalistin auf). Des weiteren dürften sie sich über jedes Thema äußern, über das der Bundespräsident nicht offiziell redet oder voraussichtlich oder möglicherweise reden wird. Das lässt allerdings wenig übrig.  Wie man – mit so einem Maulkorb aus Staatsraison versehen – das Land „nachhaltig geprägt“ haben kann, wie der Film insinuiert, leuchtet nur dann sofort ein, wenn man die Bundesrepublik als eine caritative Großgemeinschaft versteht.

Präsidentenfrauen bekommen viel Bürgerpost. Es spricht für sie, dass sie damit nicht ausgelastet sind. Was ihnen offensteht: das caritative Engagement. Das kollidiert nicht mit den Aufgaben des Präsidenten. Elly Heuss gründete das Müttergenesungswerk; Wilhelmine Lübke half bei der Einrichtung von „Essen auf Rädern“; Hilda Heinemann engagierte sich für geistig Behinderte. Mildred Scheel gründete 1974 Die Deutsche Krebshilfe. Sie war eine starke Persönlichkeit und so hoch gewachsen wie die Industriebosse, denen sie das Geld für ihre Stiftung aus den Rippen leierte. Mitunter wechselte sie bei Staatsbanketten die Platzkarten aus: Neben einem ordensgeschmückter Militär aus einem Entwicklungsland wollte sie nicht sitzen, weil von so jemandem eine Spende für die Deutsche Krebshilfe nicht zu erwarten war.

Fast alle Präsidentenfrauen wirken sympathisch. In einer kurzen Einspielung ist Wilhelmine Lübke zu sehen, wie sie sagt, sie wolle „einen Rest unseres Privatlebens“ retten. Über ihren Einsatz für geistig Behinderte sagt Hilda Heinemann: „Das ist mir ein Herzensanliegen halt – Stimme zu sein für die Stummen.“ Die Ärztin Veronica Carstens, als Vertreterin der Homöopathie setzte sie Wünschelruten ein, grummelt bei einem Fototermin: „Jetzt haben wir genug gelächelt, glaube ich.“

Auch Marianne von Weizsäcker macht eine gute Figur: Sie erzählt, sie habe die Akten ihres Mannes immer auf den Schreibtisch bekommen (da dürfte sie nicht die einzige gewesen sein). Anfangs meinte die gebürtige Adelige, man müsse sie mit Protokollfragen nicht belämmern: „Ich dachte: ich komme aus gutem Hause, ich bin gut erzogen.“ Weit gefehlt! Von Fall zu Fall wurde ihr – wie allen anderen Damen – gesagt, wie sie sich zu kleiden und welche Farben in fremden Ländern sie zu vermeiden habe. Ebenso wie Nancy Reagan setzte Marianne von Weizsäcker sich für Drogenabhängige ein. Dann war Nancy zusammen mit Ronald auf Staatsbesuch. Die First Lady wollte – geil auf die eigene Prominenz – mit Marianne und Drogensüchtigen vor Kameras posieren. „Das“, sagt die Freifrau, „habe ich nicht zugelassen.“ Die aristokratische Erziehung hat sich bei dieser Gelegenheit bewährt, als es darum ging, kranke Menschen in Ruhe zu lassen. Einmal ist Marianne von Weizsäcker zu sehen, wie sie bei einer öffentlichen Veranstaltung  von der Seite auf Nancy schaut. Ihren Blick als Ausdruck höflicher Verachtung zu beschreiben, ist untertrieben. Das Wort „höflich“ kann man streichen.

Christina Rau, eine Enkelin von Gustav Heinemann, erzählt im Interview, wie sie als Kind anlässlich des Großvaters siebzigstem Geburtstag 1969 in Hotpants auftrat: „Da kriegte mein Vater dann viele Protestbriefe, weil ich ja aus einer Textilfamilie stamme:  wie ausgerechnet seine Tochter“ mit so wenig Stoff bekleidet sein konnte?!  Nachdem Johannes Rau 1999 zum Bundespräsidenten erkoren war, fragte eine Tochter Christina Raus einmal, ob es irgendetwas gebe, was ihr als Kind des Staatsoberhaupts zum Vorteil gereiche. Die Mutter, die ihre drei Kinder dazu erzog, sich auf ihre Position nichts einzubilden, musste passen.

Die Ersten Damen des Staates sind einen Film allemal wert. Die aus den Archiven zusammengesuchten Sätze, die Interviews mit den Frauen und ihren Kindern oder Enkeln sind interessant. Der Umstand, dass die Präsidentenfrauen sich über Politik nicht äußern dürfen, bedeutet aber nicht, dass Filmemacher politische Zusammenhänge übergehen oder falsch darstellen müssen.

Über Heinrich Lübkes Tätigkeiten während der NS-Zeit wird nur berichtet, ihm sei von der Stasi der DDR fälschlich nachgesagt worden, er habe Baupläne für KZs erstellt. Nicht gesagt wird, dass Lübke 1943 bis 1945 in Peenemünde für den Einsatz von KZ-Häftlingen zuständig war und KZ-Häftlinge anforderte.

Es wird erwähnt, dass Horst Köhler 2009 statt des in der Öffentlichkeit beliebten Joachim Gauck zum Bundespräsidenten wiedergewählt wurde. Woran das zuvörderst lag – Angela Merkel wollte Gauck nicht – ist offenbar Erwachsenen nicht zumutbar. Des weiteren ist Erwachsenen offenbar auch nicht zumutbar, in zwei Sätzen erklärt zu bekommen, was die Entscheidung Köhlers beeinflusste, vom Amt zurückzutreten. Im Film erfährt man nur: „Ein missverständliches Interview 2010“ habe dazu beigetragen. Köhler hatte da gesagt,  „dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren…“.

Im Großen und Ganzen ist der Film nichts anderes als eine lange Reportage, wie sie in jede zahme Frauenzeitschrift passen würde. Unsere Evaluierung: Die frechste Schnauze hatte Elly Heuss. Am meisten bewirkt hat Mildred Scheel. Das schönste Kleid trug Christina Rau.

Die ARD beglückt ihre Zuschauer zur besten Sendezeit mit banalen Arztgeschichten, Familiengeschichten und Musiksendungen. „Deutschlands First Ladies“ verbindet alles: Die Präsidentengattinnen haben sich für ärztliche Belange eingesetzt; ihre Familienumstände werden herzerwärmend geschildert; der Musikteppich ist befriedigend; und Politik ist weitgehend ausgeblendet. Gleichwohl wird der Film erst um 23 Uhr ausgestrahlt. Wie bei Hardcore-Krimis, vor denen Jugendliche geschützt werden sollen, könnte die ARD auch in diesem Fall vorher eine Warnung einblenden: „Dieser Film ist für Zuschauer, die mehr als Promiverehrung erwarten, nicht geeignet.“


Aus: SZ-Online (6. Januar 2016)
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