Im Blick der toten Augen

Der Auschwitz-Roman „Interessengebiet“ des englischen Autors Martin Amis erscheint auf Deutsch – in der Schweiz.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Vor etwa zehn Jahren erhielt der spanische Schriftsteller Jorge Semprún, der das KZ Buchenwald überlebt hatte, Besuch von einem Möchtegern-Autor: Der wollte einen Roman über ein KZ schreiben; Semprún, der Kenner, sollte ihm seinen Plot absegnen. Anschließend erzählte Semprún der SZ, dichterische Freiheit sei nötig, ja; aber wenn die Realität im KZ komplett ignoriert werde, dann sei das Vorhaben, eine Geschichte dort anzusiedeln, allzu frivol. An diese Begebenheit erinnert jetzt die Publikationsgeschichte von Martin Amis’ neuem Buch.

Für allzu frivol, so wurde die Absage des Hanser-Verlags gedeutet, habe man in München den KZ-Roman „Interessengebiet“ gehalten. Auch Amis’ französischer Verlag Gallimard lehnte „Zone of Interest“ ab – obwohl der 2006 Jonathan Littells NS-Roman „Die Wohlgesinnten“ publiziert hatte, ein Buch, das ausführlich von diversen sinistren Obsessionen seines Autors zeugt und dessen Protagonist, wie der britische Rezensent Neal Ascherson schrieb, ein „trostlos-ödes Monster“ ist: „eindimensional, ja langweilig“. Martin Amis’ „Interessengebiet“ wird nun in Frankreich von Calmann-Lévy verlegt und auf Deutsch von dem Schweizer Verlag Kein & Aber. Es hat Schwächen, die haben aber mit gutem Geschmack nichts zu tun und auch nicht mit der Frage, wie viel Langeweile ein Autor den Lesern fairerweise zumuten darf.

Anfangs steht der Roman in der bewährt-beliebten britischen Tradition, Banalität und Unglück des Lebens ins Komisch-Groteske und schwarzen Humor zu verdrehen. Amis hat das Realitätsfremd-Abstruse des nationalsozialistischen Programms komisch auf den Punkt gebracht. Diese Partien seines Buchs sind intelligente Meisterstücke britischen Humors. Die Juden, das wissen Martin Amis’ Nazis, sind eine für alle Arier sichtbare Gefahr. Einer sagt dann: „Ich persönlich war erleichtert, als man den Stern eingeführt hat. Wie könnte man sie sonst erkennen?“ Im Hinblick auf den „Endsieg“ wundert sich ein anderer, warum es so wichtig sei, das KZ-System geheim zu halten: „Verzeihung, aber ich frage noch einmal. Was soll das? Es wäre nur von Bedeutung, wenn wir verlieren, und das werden wir nicht.“ Denn: „Eine Niederlage in Russland ist biologisch ausgeschlossen.“

„Interessengebiet“ ist Amis’ zweiter Roman über das KZ-System. 1991 erschien „Time’s Arrow“ („Pfeil der Zeit“). Darin probierte Amis, eine literarische Form dafür zu finden, dass eine Geschichte über Auschwitz den Tod nicht als überraschendes Resultat präsentieren kann: Amis begann mit dem Ende und ließ das Geschehen – wie man es mit Filmen machen kann – gleichsam rückwärts abspulen. Das war wagemutig. Sein neues Buch über Auschwitz fordert den Lesern weniger ab. Drei Protagonisten, ein SS-Obersturmführer, der Lagerkommandant und ein KZ-Häftling, erzählen abwechselnd aus ihrem Alltag.

Der Obersturmführer Golo Thomsen ist zuständig für den reibungslosen Produktionsablauf in den Buna-Werken, wo eines Tages die Herstellung künstlichen Gummis und künstlichen Öls dem Dritten Reich zur Autarkie verhelfen soll. Thomsen ist ein Zyniker mit Esprit. Mit seinem Selbst und der Welt ist er insofern im Reinen, als er beides gleichermaßen degoutant findet – das erlaubt es ihm, ein guter Nazi zu sein. Der Organisation seines Sexlebens widmet er sich gewissenhaft, weil er sich im Übrigen als Bürohengst sieht, der den Tücken der Bürokratie ziemlich wehrlos ausgesetzt ist. So hat er es etwa mit dem Ärgernis zu tun, dass die KZ-Häftlinge in den Buna-Werken zu schnell sterben. Kaum angelernt, gehen sie zugrunde. Das ist „schlecht für die Produktivität“. Was tun? Dem Lagerkommandanten Doll kann er damit nicht kommen: „Der war seiner braunen Hose verpflichtet.“

Doll selbst findet sich ganz doll. Er ist ein Freund von Cognac, „mäßig, aber nicht übermäßig genossen“, was besagt, dass er regelmäßig, „mit der Flasche im Schoß, eine Stunde lang Gewissenserforschung“ betreibt. Im von morgens bis nachts währenden Suff ist der Kommandant Doll zu amüsanten Selbsteinsichten fähig, wie sie echten KZ-Kommandaten nicht einfielen. Außerdem hat er ein Problem, genauer gesagt, zwei.

Das erste Problem hat Amis brillant konzipiert. Makabrer geht es nicht, und doch ist es lediglich eine Überhöhung dessen, was sich in Vernichtungslagern realiter zutrug: Die bürgerlichen Anwohner des KZ Auschwitz beschweren sich über Gestank, und die Qualität des Trinkwassers sei nicht zumutbar. Woran liegt das? Dummerweise hat man einige Zehntausende Leichen zu viel auf einem Feld verbuddeln lassen. Nicht nur, dass deshalb das Leitungswasser in der Umgebung des KZ ungenießbar ist, Mutter Erde will die vielen Kadaver nicht bei sich behalten: Das Totenfeld beginnt zu blubbern.

Da muss der besoffene Doll Abhilfe schaffen. Er wendet sich an den dritten Ich-Erzähler des Romans: den Juden Szmul, Leiter des „Sonderkommandos“. Das „Sonderkommando“ im KZ Auschwitz: Männer waren das, deren Aufgabe darin bestand, die Opfer in die Gaskammer zu geleiten, anschließend das Zahngold herauszubrechen, die Leichen in die Verbrennungsöfen zu bugsieren und deren Reste zu entfernen. Weil das sogar aus Sicht der Lagerführung garstig war, wurden fast alle in das Sonderkommando abgestellten Häftlinge nach kurzer Zeit ermordet.

Amis erfindet nun Szmul, der seit Jahren Leiter des Sonderkommandos ist. An dieser Figur hat der Autor sich überhoben. Er schildert Szmul als einen Menschen, der so niedergemacht ist, dass er niemandem mehr ins Angesicht schaut. Aber an der Rampe beim Eingang der Züge vollführt Amis’ Szmul das Wunderwerk, den Ankömmlingen glaubhaft weiszumachen, dass sie nur desinfiziert werden sollen. Wie ist das einem Mann möglich, dessen Augen „tot“ sind?

Szmul ist, wie die anderen Protagonisten auch, als die Personifizierung eines Aspekts des KZ-Systems angelegt. Im Hinblick auf die Nazis funktioniert das, nicht aber in Hinsicht auf die Opfer: Szmuls Rede ist psychologisch peinlich unplausibel. Die deutsche Übersetzung gibt das Englische akkurat wieder. Szmul berichtet: „Wir reden sicherlich sehr viel, und stets sind unsere Gespräche von Ernst, Klarheit und Sittlichkeit getragen. Obendrein werden wir verhöhnt, was auch nicht sehr nett ist, sozusagen.“

Der große Schauspieler Bruno Ganz – er hat Adolf Hitler dargestellt – hat gesagt: Niemals würde er einen KZ-Häftling spielen; unmöglich sei es ihm, sich einzuverleiben, wie noch lebenden und doch schon vernichteten Menschen im KZ zumute war. Solche Skrupel hat Amis nicht. Es ist nun aber so: Die meisten Opfer des KZ-Systems hatten keine Agenda, die man stilisieren könnte. Viele hatten über das bloße Funktionieren hinaus alles verloren, als Erstes jede Neigung zur Eloquenz. Ausgerechnet das Mitglied eines Sonderkommandos als redseligen Ironiker zu schildern, ist ein Missgriff. Wie sagte Semprún: Auch ein Schriftsteller sollte nicht völlig an der KZ-Realität vorbeischreiben.

Amis’ Roman ist im Grunde vollendet von dem Moment an, da die NS-Figuren ausgearbeitet sind. Der Rest des Buches dient der politisch korrekten Positionierung des Autors, und, das ist ja auch nötig, der Hererzählung einer Geschichte. Kommen wir also auf das oben erwähnte zweite Problem des Lagerkommandanten Doll zu sprechen. Es ist sexueller Natur: Seine Frau Hannah mag nicht mit ihm. Hingegen mag der wie ein Nazi-Germane aussehende Obersturmführer Thomsen diese Frau. Das erklärt er so: „Hannah Doll entsprach dem Ideal junger Weiblichkeit – stumpf, bäuerlich, geschaffen für Fortpflanzung und harte Arbeit. Dank meiner physischen Erscheinung hatte ich umfassende geschlechtliche Erfahrung mit diesem Typus.“ Dass die Frau einen jüdischen Vornamen trägt, wundert den gebildeten Thomsen nicht.

Um seinen Roman ordentlich zu Ende zu bringen, lässt Amis den Golo Thomsen seiner Liebe zu Frau Doll ernstlich verfallen und vom Nationalsozialismus abfallen. Plausibel ist da gar nichts. Warum die Ich-Erzähler Thomsen und Doll ins Leere hinein reden (während Szmul verständlicherweise Zeugnis ablegen will): Es bleibt ein Rätsel. Weil Amis aber grandios gut schreibt und seine Könnerschaft sich in der Darstellung von Details entfaltet, ist sein ganzes Buch dennoch lesenswert.

Die Übersetzung von Werner Schmitz ist ausgezeichnet. Allerdings scheint Schmitz mitunter geschlafen zu haben. Fünf Fehler – das Lektorat war anscheinend abwesend – sind hanebüchen, einer muss erwähnt werden: Die Deportierten werden in Auschwitz registriert. Leute vom Sonderkommando versuchen einige Jugendliche vor der Vergasung zu retten: Mach dich älter, als du bist; sag, dass du dich auf ein Handwerk verstehst. Handwerker konnten schließlich nützlich sein. Martin Amis schreibt „trade“. Das englische Wort „trade“ heißt auf Deutsch aber auch „Handel“, weshalb Werner Schmitz ohne Rücksicht auf den Kontext übersetzt: „Sie sind achtzehn Jahre alt, und Sie haben einen Handel.“ – Als Jorge Semprún im KZ Buchenwald registriert wurde, fragte ein Häftling ihn nach seinem Beruf. Weil ihm nur „Student“ einfiel, machte der Häftling ihn zum Stukkateur. Damit es um die Überlebenschancen des jungen Mannes besser stehe, wurden ihm handwerkliche Kenntnisse zugeschrieben, nicht ein Handel.

Martin Amis: Interessengebiet. Roman.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Verlag Kein & Aber, Zürich 2015.
419 Seiten, 25 Euro.
E-Book 19,99 Euro.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 09.09.2015 – Seite 12
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