Wi­der­stand gegen das Ver­stum­men

Das Leben in Norwegen während des Krieges und der deutschen Besatzung. Eine junge Jüdin erzählt ihre Geschichte bis hin zur Flucht aus dem Land

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Ilse ist ein Teenager und verknallt; ob Herrmann die Liebe ihres Lebens ist, wird sich noch zeigen. In dieser Stimmung benehmen Teenager sich nicht unbedingt vernünftiger als Erwachsene. Ihr Freund Herrmann seinerseits ist in Ilse verknallt. Beide, wie es unter jungen Leuten vorkommt, sind zu ängstlich-scheu, einander zu gestehen, was sie füreinander empfinden. Die Geschichte spielt in Oslo zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. 1940 hatten die Deutschen Norwegen eingenommen. Auch dort zogen die Nazis – mit Bertolt Brechts „Ballade vom Baum und den Ästen“ gesagt – die Stiefel aus. Frühmorgens aber zogen sie die Stiefel wieder an, nämlich um unliebsame Elemente abzuholen und abzutransportieren. Zu denen zählt als erster in Ilses Familie ihr Vater.

Marianne Kaurins bewegend-schöne Erzählung handelt vom Zweiten Weltkrieg und von Auschwitz. Die Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma und anderer wird heutzutage in der Schule erörtert. Das kann für junge Leute ebenso peinlich sein wie der Sexualkundeunterricht. Man meint da zu wissen, worum es geht („vergasen“), und empfindet weitere Information als unerwünschte Belehrung. Gedenkstättenleiter können ein trauriges Lied davon singen: Wie Schüler, was sie sehen, nicht an sich herankommen lassen wollen und erbarmungslos-gemeine Witze reißen.

„Beinahe Herbst“ ist nicht belehrend. Die Autorin erzählt vom normalen Leben in Oslo. Dass Ilses Familie jüdisch ist, wird erst deutlich, als zu Hause ein siebenarmiger Leuchter aufgestellt wird. Der ist aber nicht aus Silber, bloß aus Messing: Etwas besseres konnte Ilses Vater, ein Schneidermeister, sich nicht leisten. Erst mittels der Beschreibung der Wohnungen wird klar: Die Leute leben einfach. Die Wohnung von Ilses Familie umfasst eine Stube und ein Schlafzimmer. Die Eltern richten in der Stube abends ihr Bett her; die Mädchen schlafen im Schlafzimmer. In der Wohnung oben drüber ist es andersherum.

Was der etwas ältere Herrmann seiner Ilse nicht sagen kann: Angeblich beginnt er eine Ausbildung als Kunstmaler; in Wahrheit ist er aber im norwegischen Widerstand aktiv. Auch seinen Eltern kann Herrmann das nicht sagen, der Vater – ein Arbeiter von Ehre – findet seinen Sohn verachtenswert. Was der Schneider Ilse und seiner Familie nicht sagen kann: Dass er morgens ganz früh aus dem Haus geht, um vor Öffnung des Geschäfts die Nazi-Schmierereien am Laden abzuputzen. Was der Taxifahrer, der in Ilses Haus wohnt, nicht sagen kann: dass er von der NS-Besatzung eingeteilt wurde, Juden abzuholen. Ilses Mutter spürt das Ungesagte. Nachdem ihr Mann von den Nazis abgeholt wurde, spricht sie nicht mehr.

Die Geschichte ist packend. Wie konnten Norweger den jüdischen Mitbürgern ins sichere Schweden helfen? Was wird aus Ilses Familie? Letztlich ist das Buch aber viel mehr als ein zeitgeschichtlicher Roman, es handelt von Menschen und ihren Gefühlen. Die Sprachlosigkeit ist es, worum alles sich dreht. Welche Leser wären nicht schon einmal stumm geblieben, weil sie zu beschämt, zu angewidert, zu stolz, zu vorsichtig oder so sehr verliebt gewesen sind? Dagmar Mißfeldts Übersetzung ist fein – mit Ausnahme von zwei Formulierungen: Wenn jemand staunt, dann kommt es nur in Übersetzungen vor, dass der Frau „die Kinnlade runterfällt“. Und lachen, so dass er sich „auf die Schenkel klopft“, tut ein Mann im Wirtshaus; von einer zarten Mutter zu Hause würde auch eine Ilse das nicht erwarten.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 30.12.2019 – Seite 35

 

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