Matschige So­zio­öko­no­mie

Karl Marx gab nichts auf den ideologischen „Überbau“. Thomas Piketty hingegen hält die ideelle Verbrämung der Verhältnisse für die Grundlage des Kapitalismus. Das führt ihn auf mal mehr, mal weniger interessante Abwege.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Kein Zufall ist es, dass die Auswirkungen von Covid-19 die Menschen umso schärfer treffen, je ärmer sie sind. In den USA zum Beispiel hat rund ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung die Anstellung verloren oder kann einer regulären Beschäftigung bloß noch stundenweise nachgehen. Viele werden dauerhaft arbeitslos bleiben, weil insolvente Unternehmen sich nach dem Ende der Corona-Krise nicht mehr werden berappeln können. In anderen Ländern wissen viele Menschen jetzt schon nicht mehr, wie sie ihr Essen bezahlen sollen. Staatliche Hilfe kommt den Großunternehmen zugute, die kleinen Unternehmen in Deutschland erhalten ein paar Tausend Euro (wenn das Budget des betreffenden Bundeslandes zum Zeitpunkt der Anmeldung noch nicht ausgeschöpft gewesen ist). Das hilft gerade eben für einen Monat Lohnfortzahlung. Die Schere zwischen Arm und Reich wird sich weiter öffnen.

Der Franzose Thomas Piketty hat 2013 Furore gemacht mit der These, dass die Kapitaleinkünfte größer seien als das mit realer Arbeit erwirtschaftete Geld, woraus folgere: wer hat, gewinnt. Die dazugehörige Formel, r >g, sieht so simpel aus wie Einsteins E = mc². Sie ist freilich weniger belastbar. Zwar hatte Piketty Daten aus zweihundert Jahren ausgewertet, in Zeiten von Corona ist seine These aber nicht relevant: Aktionäre haben in den vergangenen Wochen, Pi mal Daumen, ein Fünftel des Werts ihrer Anlagen eingebüßt. Und ohnehin muss seine Bank dafür bezahlen, wer Geld auf dem Konto aufbewahrt.

Piketty aber ist aus dem Schneider: Seine knackige Formel kommt in dem neuen Buch „Kapital und Ideologie“ gar nicht mehr vor. Es ist dick wie ein Ziegelstein und zeugt von dem Esprit, den französische Intellektuelle im 20. Jahrhundert vor sich hertrugen: Man theoretisiert mit unermüdlicher Leidenschaft, auch wenn die Zuhörer längst eingenickt sind. Piketty will erklären, dass Ungleichheit nur deshalb bestehen könne, weil den Leuten weisgemacht werde, dass es anders nicht gehe, und vor allem: dass es gerecht zugehe.

Manche finden, Piketty gehe da in den Fußstapfen von Karl Marx. Andere sagen, er tappe neben Marx’ soziologischen Schriften durch den Morast der allgemeinen ökonomischen Fragen. Der Nobelpreisträger Paul Krugman, an sich polit-ökonomisch auf dem gleichen Weg wie Piketty, schrieb in der New York Times sinngemäß, mit diesem Buch könne er nichts anfangen.

Hatte Marx Hegels Philosophie auf den Kopf gestellt, so dreht Piketty das Ganze wieder um: Den Überbau hält er für entscheidend. So sei den Menschen allerorten eingerieben worden, es komme im wirtschaftlichen Leben auf die Meriten an, die einer sich erwirbt, sodass sein Verdienst im moralischen Sinn des Wortes tatsächlich verdient sei. Das sei die Ideologie der Meritokratie. Ungleichheit ergebe sich nicht so sehr aus technologischen Errungenschaften oder wirtschaftlichen Umständen, vielmehr beruhe sie auf ideologisch-politischer Verbrämung der Verhältnisse. Dieses weite Feld hat Piketty, Mengen von Daten schaufelnd und im Sinn von Jacob Burckhardts Wort „der Geist ist ein Wühler“, für diverse Länder und Epochen durchmessen.

Wer den eigenen Geist dazu angehalten hat, sich durch Pikettys Buch zu wühlen, geht um ein paar prägnant formulierte Beobachtungen reicher daraus hervor. Diese zum Beispiel: Die Politaktivisten der Französischen Revolution hätten unter „Gleichheit“ nicht so sehr die der einzelnen Menschen verstanden, sondern die Verteilung der Hoheitsrechte im Land. Sie hätten nicht die Macht in der Kapitale konzentriert sehen wollen.

Mit der Restauration nach der Revolution sei in Frankreich eine Ära angebrochen, die – mit einem Körnchen Salz zusammengefasst – nur ein Gutes mit sich brachte: die systemkritischen Sittengemälde von Schriftstellern wie Balzac, Zola und anderen. Die haben die Verhältnisse aber bloß beschrieben. Dass sie sich verändern lassen: dafür ist Schweden Piketty ein leuchtendes Beispiel. Binnen weniger Jahre Anfang des 20. Jahrhunderts habe das Land sich zu einem auf sozialdemokratischen Gedanken fundierenden Staat verwandelt, in dem die progressive Einkommensteuer eingeführt wurde. Dieses sei auch deshalb so gekommen, weil die Regierenden schon seit Aberjahrzehnten mit Bevölkerungsstatistiken jeder Art gearbeitet hätten. Da die Ziffern über Armut und Sterblichkeit nun einmal vorlagen, habe deren bloße Ansicht zur Einsicht geführt.

Piketty hat sich bemüht, eine Globalgeschichte der Ungleichheit zu schreiben. Allein, letztlich betrachtet er die Welt aus seiner Sicht der französischen Polit- und Wirtschaftsgeschichte. In vielen Ländern, besonders in Europa und nach dem Zweiten Weltkrieg, seien die Sozialdemokraten zu matt gewesen, schreibt er, sie hätten den Wohlhabenden höhere Steuern abknöpfen sollen; stattdessen hätten sie sich als Kaste der Gebildeten und entsprechend Wohlhabenden formiert. Das mag eine Erklärung dafür sein, warum der französische Parti Socialiste keine Kraft mehr hat. Aber schon für Westdeutschland gilt es nicht.

Am Ende seines Buches spricht Piketty Empfehlungen aus, die er selbst „utopisch“ nennt. Jeder Bürger weltweit solle mit der Volljährigkeit 120 000 Euro erhalten. Das solle von den Superreichen finanziert werden. Milliardäre sollten pro Jahr soviel Vermögensteuer zahlen, dass selbst Multimilliardäre binnen Kurzem zu einfachen Millionären würden.

Auch wenn Milliardäre ihr Geld nicht wert sind: Da wäre das Wort „Enteignung“ passender. Enteignung in solchen Ausmaßen gibt es aber nicht ohne einen großen Krieg oder eine gewaltsame Revolution. Beides will Piketty denn auch wieder nicht.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 17.04.2020, Seite 18
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
<span>%d</span> Bloggern gefällt das: