Statistik und Utopie

Die französische Linke schätzt, mit dem Ethnologen Claude Lévi-Strauss gesagt, das wilde Denken. Den Deutschen erscheint das manchmal ziemlich merkwürdig. Mitunter kommen aber auch bodenständige Ideen zum Tragen. So zum Beispiel das Plädoyer für mehr Nachbarschaftshilfe.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Vor ungefähr einem Dutzend Jahren hat der indische Schriftsteller und damalige hochrangige UN-Diplomat Shashi Tharoor ein Interview gegeben, in dem er einen Witz erzählte. Der geht so: Der UN-Sicherheitsrat sucht nach einer Lösung für ein Problem. Der Amerikaner sagt: „Wir könnten zuerst das machen und dann das und das Problem auf diese Weise lösen.“ Der Franzose ist skeptisch: „Das könnte in der Praxis zwar tatsächlich klappen, aber funktioniert es auch in der Theorie?“ Tharoor merkte damals an, als Diplomat solle er besser keine Witze über Nationen erzählen.

Dieser kleine Fauxpas war, was Frankreich angeht, lässlich. Mit der Praxis sind französische Intellektuelle vertraut, sie besteht in wirtschaftlichen Daten. Was die Denker derzeit vermissen, vor allem jene, die mit der Linken sympathisieren: Theorie. Ohne Theorie, meinen sie, bleibe ihr Land dabei, politisch kurzfristig und damit schlecht zu agieren. Der bedeutende Soziologe Michel Wieviorka beschwerte sich unlängst in der International New York Times: Seit der Jahrtausendwende habe die politische Klasse Frankreichs keine Vorschläge mehr gemacht in Sachen „Träume, Utopien oder langfristige Projekte“.

An sich müsste Wieviorka sich jetzt freuen. Die Basis des französischen Parti Socialiste hat Benoît Hamon zu ihrem Kandidaten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen gekürt, einen Mann, der so ungewöhnliche Vorschläge macht, dass er selbst es für nötig hält, zu betonen, er sei kein Utopist. Hamon will ein staatlich garantiertes Grundeinkommen einführen, zunächst für alle zwischen 18 und 25 Jahren. Außerdem will er Industrieunternehmen für die Anschaffung von Robotern, die menschliche Arbeitskraft überflüssig machen, besteuern. Das Grundeinkommen würde Frankreich teuer zu stehen kommen. So teuer, dass Frankreichs neue Staatsschulden den EU-weit vereinbarten Rahmen wieder einmal sprengen würden.

Hamon hat vermutlich zu wenig Anhänger, um Frankreichs neuer Präsident zu werden. Seine Wahl zum Kandidaten indes spiegelt ein weltweites Phänomen: In den USA hatte der linke Demokrat Bernie Sanders viele Gefolgsleute, bevor er seine Kandidatur an Hillary Clinton abgab, die dann – wie bekannt – gegen Donald Trump verlor. In Deutschland macht derzeit Martin Schulz Furore, der die Hartz-Reformen zugunsten der kleinen Leute zurückfahren will. In Großbritannien wurde Jeremy Corbyn in einer allgemeinen Wahl (man musste, um mitzumachen, nicht Mitglied der Labour Party sein, sondern nur ein paar Pfund zahlen) zum Führer der Labour Party erkoren. Corbyn vertritt Ideen, die britische Unternehmer frohlocken lassen, dass derzeit die Konservativen am Ruder sind – der von David Cameron überflüssigerweise herbeigeführte Brexit hin oder her.

In Frankreich wird gefragt, ob Benoît Hamon für „Corbynisation“ stehe. Nein, das tut er nicht. Die Financial Times hat vor Wochen schon für Hamon eine kleine Lanze gebrochen. Der habe immerhin erkannt, was die anstehenden Probleme von Industrienationen sind. Corbyn ist ein älterer Mann. Hamon kam 1967 zur Welt. Seine Idee, die Einführung von Robotern zu besteuern, vertritt auch Bill Gates und machte sie vor ein paar Tagen international publik.

Frankreichs Industrie läuft ziemlich gut. Die jährlichen neuen Staatsschulden sind höher, als die EU erlaubt. Der Rest ist Statistik und Meinung, was mitunter auf dasselbe hinausläuft. Die französische Produktivität – was wird in wie viel Stunden erwirtschaftet – ist in den vergangenen Jahren mitunter sogar besser gewesen als die deutsche. Die Franzosen streiken nicht öfter als die Deutschen. Ihre Streiks beeinträchtigen meistens das Verkehrswesen – mittlerweile können die Bahn- und Flugreisenden in Deutschland da mitreden. Die französischen Arbeitsverträge sind für Einsteiger längst keine Lebensversicherung mehr.

Die Stimmung in Frankreich ist derzeit recht gut: Anfang Januar wurde eine Umfrage bei Privatleuten gemacht, wie sie die Zukunft einschätzten. Das Ergebnis: fast so gut wie zuletzt 1987. Das haben die Statistik-Auguren damit erklärt, dass die Arbeitslosigkeit in Frankreich gesunken ist: von zehn Prozent auf 9,8 Prozent. 0,2 Prozentpunkte sollen da einen Unterschied machen? Hinzu kommt wohl, dass die Befragten sich über den noch niedrigen Ölpreis freuen und auf die nächsten Wahlen, und außerdem haben sie vielleicht schöne Weihnachtstage verlebt. So viel zu Statistik und Meinungen.

Das schöne Land Frankreich könnte noch besser dastehen. Kommen wir zurück zur Theorie. Der Philosoph Jean-Claude Michéa ist ein echter Linker. Sein jüngstes Buch „Notre ennemi, le capital“ (Unser Feind, das Kapital) wurde vom Verlag Climats mit einer Banderole versehen: „Heutzutage liegt es näher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Wie wahr. Man hätte da aber auch schreiben können: Heutzutage liegt es näher, sich das Ende der Welt vorzustellen als den freiwilligen Abschied von übermäßigem Fleischkonsum.

Michéa argumentiert klug: Solange die französische Linke nicht aufhöre, Tabus brechen zu wollen, werde sie auf keinen grünen Zweig kommen. Auf Nachbarschaftshilfe komme es an. Die gebe es noch. Der rechtsradikale Front National habe genau dort, wo es wahres Miteinander gebe, wenig Zulauf: in der Bretagne, auf Korsika, in Landes, auf der französischen Seite des Baskenlandes.

Viele französische Wirtschaftler messen ihr Land an Deutschland. Sie denken dabei an das duale Ausbildungssystem, an die deutsche Produktivität und Exportkraft. Michéa erinnert daran, dass es die Menschen sind, die ein Land gestalten.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 24.02.2017 – Seite 18
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
<span>%d</span> Bloggern gefällt das: