Lob des Ka­pi­ta­lis­mus

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Eines muss ein jeder Karl Marx lassen: Seitdem er den Kapitalismus vergeblich zu überwinden trachtete, hält nicht zuletzt seine Kritik ihn aufrecht. Marxens Konterfei symbolisiert den Kapitalismus daher besser als selbst die imposanten Bürotürme von New Yorks Wall Street und der ungestalte Bulle, der dort aufgestellt ist.

In den 90er-Jahren war vom „Kapitalismus“ kaum mehr die Rede. Nach dem Untergang der Sowjetunion schienen im Westen der private Besitz an den Produktionsmitteln und die Marktwirtschaft nicht bloß die allein selig machende, sondern die allein mögliche Gesellschaftsordnung zu sein. An den Wirtschaftsfakultäten der Universitäten wurde die Lehre von den Selbstheilungskräften der Märkte verbreitet. Von dort trugen die Absolventen sie in die Medien. Das Wort Kapitalismus schien obsolet; wer es noch benutzte, machte mit diesen fünf Silben klar, hoffnungslos hinter der Zeit zu sein, womöglich gar ein doktrinärer Linker. Von solchen Leuten musste niemand sich etwas erzählen lassen. Und weil die Leute das selbst merkten, verzichteten die meisten auf das Wort.

Erst litt der Begriff, dann litt die Sache selbst: Einige Wirtschaftskrisen, die Asien und Südamerika erschütterten, brachten den „Kapitalismus“ wieder en vogue. Was war das System, auf dessen Grundlage die Wirtschaft in asiatischen Tigerstaaten zusammengekracht war? Et voilà: Seit der Jahrtausendwende ist das Wort Kapitalismus nicht mehr anstößig.

Seither hat sich viel getan. Die digitale Revolution und die Globalisierung führten zu einer wahrnehmbaren Beschleunigung des Lebens und einer Fragmentierung der Information. Unentwegt wird man mit Ideen traktiert, die analog zu Computersoftware mit „2.0“, „3.0“ oder „4.0“ belegt werden. Und als ob die künstlerischen Auswüchse der „Postmoderne“ in den 80er-Jahren nicht hässlich genug waren, bekommen wir es nun auch zu tun mit Ideen wie „Postdemokratie“ und „Postkapitalismus“.

Die Idee vom „Postkapitalismus“ wird vom britischen Publizisten Paul Mason vertreten, der kürzlich in Berlin zu Gast war und glaubt, diese Ära werde „durch eine neue Art Mensch“ eingeleitet. Die Automatisierung bei der Produktion werde dazu führen, dass viele Menschen kein Auskommen mehr finden. Die überwältigende Menge an Information im Netz mache es den Märkten zunehmend unmöglich, Preise realistisch zu gestalten. Das gehe einher mit der zunehmenden Bereitschaft aller Bürger, Güter und Dienstleistungen untereinander zu teilen: „Fast unbemerkt haben sich in den Nischen und Lücken der Marktwirtschaft viele Teile der Wirtschaft auf einen anderen Rhythmus eingeschwungen.“ Er meint Parallelwährungen, Kooperativen, Carsharing und anderes. Ob das dem Kapitalismus den Garaus macht? Der Unterschied zwischen Marx und Mason liegt darin, dass Marx von der Welt ausging, wie sie war, nicht wie Idealisten sie sich ausmalen.

Marxistisch geschult – immerhin lebte er in der DDR – ist der Schriftsteller Christoph Hein, der sich auf der Leipziger Buchmesse über eine Besprechung seines neuen Romans „Glückskind mit Vater“ lustig machte. Da habe eine Rezensentin gesagt, „der Hein ist im Sozialismus nicht glücklich gewesen, er wird auch im Kapitalismus nicht glücklich sein“. Hein kommentierte das so: „Ich habe in diesem Land viele Rechte, mehr als ich in der DDR hatte, aber eines nicht: unglücklich zu sein.“ Außerdem bat er darum, „als glücklicher Mensch betrachtet zu werden“. Das darf man durchaus als Lob des Kapitalismus verstehen.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 22.04.2016 – Seite 18
Dieser Text stammt aus „Augsteins Welt“ – einer vierzehntägigen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung
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