Kes­sel­schmied

Dem Schriftsteller Gerhard Zwerenz zum 90. Geburtstag

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Gerhard Zwerenz’ Onkel, mit dem er sich gut verstand, war Anarchist und brachte dem Neffen bei, dass die Welt ein irrer Ort ist, wo man nicht klein beigeben dürfe. Das galt in der Nazi-Zeit gewiss. Außerdem besaß der Onkel einen Koffer mit großen Werken der Weltliteratur, die der junge Zwerenz mehr oder minder verständig durchschmökerte.

1942, als Teenager, meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe, angeblich um der Infanterie zu entkommen. Wie die Ironie des Schicksals es wollte, kam er indes zur Luftwaffen-Infanterie. Von wegen über den Wolken! 1944, in Polen, desertierte der noch nicht Zwanzigjährige. Seither ist er, der viele Meinungen verfolgte, wie andere Hühner scheuchen, von einem überzeugt: Soldaten sollte es nicht geben. Und weil Zwerenz aufschreibt, was ihn beschäftigt, zählt zu seinen mehr als hundert Büchern der Essay „Soldaten sind Mörder“ (1988).

Nach dem Krieg lebte er in der DDR und absolvierte – dem Stand seiner Eltern gemäß – eine Lehre als Kesselschmied. Auf seine proletarische Herkunft pocht er. „Wenn ich eine Geschichte geschrieben habe, die mir Spaß macht“, sagte er 1983, „dann habe ich exakt dieses Lustgefühl, wie ich es hatte, wenn ich eine Wärmeflasche oder ein Vase oder einen Teller aus Kupfer getrieben hatte.“

Wie so viele wollte auch Zwerenz den Sozialismus aufbauen. Er studierte bei Ernst Bloch, in dessen Lob des utopischen Denkens er sich wiederfand. Als Freigeist passte er freilich nicht in die DDR. 1956 wurde er aus der SED ausgeschlossen und musste 1957 fliehen. In die Bundesrepublik wollte er, der Linke, nun gleich gar nicht passen. Er traf den Filmemacher Fassbinder, der ihm in seinen bürgerschrecklichen Qualitäten nicht nachstand. Fassbinders Skandalstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ beruht auf Zwerenz’ Roman „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ (1973).

Zwerenz’ Bücher verkauften sich. Von der Kritik wurde er indes selten gut bedacht. Er rächte sich auf seine Weise: weiterschreiben. Er war einer der ersten, die unter dem eigenen Namen pornografische Romane publizierten, was den Spiegel zu dem Kommentar bewegte: Zwerenz sei einer, der „auch das für eine achtbare schriftstellerische Leistung hält, beim Leser eine Erektion zu erzielen“. Zu seinen am wenigsten verrissenen Werken zählt der autobiografische Roman „Kopf und Bauch. Die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist“ (1971).

1994 ließ er, der sich einen „abgetriebenen Sohn der DDR“ genannt hat, sich auf eine Legislaturperiode für die PDS in den Bundestag wählen – und zwar, worauf er Wert legte, als Antikommunist. Gerhard Zwerenz ist ein Schriftsteller, der im deutschen Literaturbetrieb immer irgendwie störte. Er hat geschimpft und gepöbelt, er hat ausgeteilt und viel eingesteckt. Er ist eine Bereicherung für das Land. Zu seinem 90. Geburtstag sei ihm gratuliert.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 03.06.2015 – Seite 16
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