Bä­ren­jahre

Er war Hitlerjunge, Kommunist, Häftling und Dissident – ein Mann des Wortes und des Widerwortes. Jetzt hat Erich Loest sein Alterswerk geschrieben, mild ist es nicht. Eine Begegnung in Leipzig.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Leipzig – Erich Loest ist streitbar, aber man sieht es ihm nicht an. Er sitzt in seinem Wohnzimmer, in einem bequemen Sessel und sieht so friedliebend aus wie ein Weinbauer im Austrag, wie einer der am Sonntag mit gemächlich-großen Schritten durch den Weinberg geht, den nun der Sohn bestellt. Er trinkt Tee, nicht aus einem Becher, sondern aus einer schönen Porzellantasse, die seine Frau auf den Tisch stellt. Er ist aufgeräumt, zugewandt, freundlich. Manche halten ihn für unverträglich, aber davon merkt man jetzt gar nichts. Er ist zu Hause.

Wenn ihm danach ist, kann er austeilen, dann zielt er nicht unter die Gürtellinie, sondern seinem Gegner direkt auf die Schnauze – mit Worten, natürlich. Vor mehr als fünfzig Jahren, als Loest ein junger Mann war, als er Wut und Kummer über den falschen Lauf empfand, den der Arbeiter- und Bauernstaat nahm, kam er seinem Schriftstellerkollegen Gerhard Zwerenz mitunter vor wie ein Bär: Wenn Loest am Abend zu viel getrunken hatte, tappte er wie auf großen Tatzen durchs Zimmer, „in den Augen unüberwindbare Schwermut“ – so Zwerenz. Bringe einen Bären in Rage, und du wirst sehen, was du davon hast.

Im Februar hat Erich Loest seinen 85. Geburtstag gefeiert. Das Alter macht langsam. Das Bärenhafte, das Zwerenz beschrieb, ist Loest nun ganz eigen. Suchte man für einen historischen Film einen Mann, der aussieht wie ein weiser Landmann oder wie ein abgeklärter, klassenbewusster Proletarier, wäre Loest eine prächtige Besetzung. In Wahrheit ist er ein Kleinbürger. Sein Vater besaß im sächsischen Mittweida eine Eisenwarenhandlung. „Nee“, sagt Loest, „ich wollte nie Proletarier sein. 1932 kam ich auf die Schule, da gab es viele Arbeiterjungen: Ich weiß, welche Schuhe sie anhatten oder nicht anhatten, wie ihnen der Eiter aus den Ohren fiel, weil sie in kalten Kellern wohnten. Wir hatten immer genug zu essen, wir hatten immer Schuhe, ich hatte immer ein warmes Zimmer. Bei uns gab es Hausmusik und Bücher. Dafür bin ich dankbar, das muss ich doch nicht verteufeln.“ Loest hat nach dem Krieg auf den Sozialismus gesetzt, aber er hat sich nicht dafür geschämt, dass er kein Proletarier war.

Zusammen mit seiner zweiten Frau, der Publizistin Linde Rotta, lebt Erich Loest heute in Leipzig. Wohn- und Arbeitszimmer gehen ineinander über. Die Räume sind behaglich eingerichtet. Über den Balkon hinweg sieht man auf Mietshäuser hinab. Mögen die auch nicht alle schön sein, hat man doch einen schönen Blick. Die Wohnung ist nicht klein, und Loest ist nicht hochgewachsen. Trotzdem wirkt es, als wäre er zu groß für die Wohnung. Was macht ein breitschultriger, kraftvoller Mann wie er, fragt man sich, wenn er sich furchtbar ärgert?

Seit den siebziger Jahren ist er ein erfolgreicher Schriftsteller. Er wird mit Preisen gut versehen, auch mit Ehrendoktorhüten. Leipzig hat ihn 1996 zum Ehrenbürger gemacht, seine Geburtsstadt Mittweida bereits 1992. Ehrenbürger von Mittweida ist noch zu Zeiten der DDR freilich auch Hans Vogelsang geworden, einst Bürgermeister der Stadt, ein wackerer SED-Mann, der dazu beitrug, dass Loest 1957 für sieben Jahre ins Gefängnis kam. Ehrungen helfen, aber sie heilen nicht.

Wenn dem Bären in Loest zum Aufheulen ist, dann hat er ein Ventil: Er schreibt. Papier ist geduldig, Loest ist es nicht. Jetzt hat er im Steidl-Verlag ein Tagebuch veröffentlicht, „Man ist ja keine Achtzig mehr“. In der kommenden Woche wird es auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt. Das Buch beginnt – als ob Loest keinen anderen Tag hätte wählen können – am 7.8.2008 mit der Abschrift eines kühlen, juristischen Briefes seines Sohns Thomas. 1988 hat der Vater mit seinem Sohn, für ihn und die Schwiegertochter, den Linden-Verlag gegründet, in dem er von da an seine Bücher erscheinen ließ. Seit einigen Jahren hat der Vater das Gefühl, der Verlag tue nicht genug für seine Titel. Es kam zum Streit, Vater und Sohn haben gegeneinander prozessiert, mit dem Ergebnis, dass der Linden-Verlag die Rechte an Loests alten Büchern behalten hat, aber alles, was Loest neu veröffentlicht, nun bei Steidl erscheint.

Der Vater ist tief enttäuscht, zornig, unglücklich und breitet die Angelegenheit in seinem Tagebuch aus. Spricht man ihn aber darauf an, ist ihm die Geschichte unangenehm. Loest kennt sich und alle Formen, die Gespräche annehmen können. „Wir wollen uns nicht den Nachmittag verderben“, sagt er. Er will sich nicht dazu drängen lassen, sich in Rage zu reden. Wozu schreibt man denn? Man schreibt doch auch dazu, sich das Bedrängende der Wirklichkeit ein bisschen vom Hals zu halten, indem man es in Form bringt.

Loest ist ein schüchterner Mensch. Die Selbstgewissheit, in einem Buch „ich“ zu sagen, bringt er nicht auf: Er nennt sich zumeist „den Chronisten“ oder einfach „L.“. Wenn Loest öffentlich reden muss, fühlt er sich unwohl. Als Redner hat er das Gefühl, dass er sich mit Anlauf ins Getümmel werfen muss. Wenn er überzieht und Gegenargumente zurückdrängt, schon bevor sie auf dem Tapet sind, dann liegt es oft daran, dass er es eigentlich ganz ausreichend findet, seine eigene Schüchternheit gemeistert zu haben. Für schüchtern hält er sich auch deshalb, weil er sich wundert, wenn die Zuhörer seine Meinung nicht übernehmen. Im Verlauf eines Disputs haben letztere es oft genug mit einem aufgebrachten Martin Luther zu tun, der da steht und von seiner Position keinen Millimeter abweichen kann. Loest ist ein Antikommunist, in seinem Furor gegen alles „Linke“ ist er so unerbittlich, wie er es vor Jahrzehnten als überzeugter SED-Anhänger war. Das sagen jedenfalls drei seiner ostdeutschen Kollegen, die alle nicht namentlich genannt werden wollen, weil sie alle Respekt vor seiner Vita haben: Über einen Mann, der mehr als sieben Jahre in Bautzen II gesessen hat, spottet man nicht.

In seinem Arbeitszimmer steht ein altes englisches Möbel, sein Schreibtisch. Loest mag den Tisch, im „Tagebuch“ hat er ihn erwähnt. Jeder Zeitungsredakteur hat einen größeren Schreibtisch. Aber Loest ist einer, der zum Denken und Schreiben nicht viel Platz braucht.

Im Gefängnis hat er nichts geschrieben. Er hatte kein Schreibverbot, er erhielt lediglich kein Papier und keinen Stift. „Ganz zuletzt“, sagt er, „habe ich mal eine Bleistiftmine gehabt, da habe ich auf dem Rand vom Neuen Deutschland ein bisschen was aufgeschrieben, in winzig kleiner Schrift. Das wurde natürlich alles weggefilzt.“

Die Geschichte des Erich Loest ist eine ganz normale deutsche Geschichte und folglich im eigentlichen Sinn des Wortes tragisch. Loest spricht über sein Leben, und über seinem Kopf hängt an der Wand ein eindrucksvolles Porträt von ihm, das Reinhard Minkewitz, ein Spross der „Leipziger Schule“, gemalt hat. Die Leipziger Schule fühlte sich der Gesellschaftsanalyse verpflichtet – Erich Loest hasst die DDR und alles, was dazugehört; dem 1957 geborenen Maler Minkewitz hat er sein Gesicht trotzdem anvertraut.

Loests Vater war deutschnational und kaisertreu, was damals bedeutete, dass er dann Hitler wählte. Bei den sportlichen Schindereien der Hitlerjugend hat der Sohn gut dastehen wollen. Er wurde Hitlerjugendführer, dann Soldat und am Ende des Krieges sogar „Werwolf“. Er behauptet nicht, sich nur deshalb zu den „Werwölfen“ gemeldet zu haben, um einem Hungermarsch an die Front zu entgehen. 1945 war er ein 19 Jahre alter Nazi. Nach dem Krieg wollte er es besser machen. „Ein Jahr lang“, sagt er, „wollte ich mal richtig prima sein.“ Er wurde Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung – „da stand einer auf und sagte: Erich, schön dass du uns helfen willst.“ Ja, helfen wollte er. Aber wie sich die DDR entwickelte, das wollte er nicht. Allmählich merkte er, dass er sich zum zweiten Mal geirrt hatte: „Das habe ich nicht nur mir gesagt, ich habe es denen gesagt: Ich bin jetzt 27 Jahre alt, ich bin zu alt, um ein zweites Mal meine politischen Denkfähigkeiten an der Garderobe einer Partei abzugeben.“

1953 wurde das erste Parteiverfahren gegen ihn eingeleitet. Der junge Vorsitzende des Leipziger Schriftstellerverbandes hatte allerlei Kontakte zu Leuten, die dem Regime gleichfalls unlieb waren, zu den Kabarettisten der „Pfeffermühle“ zum Beispiel. Er bekannte öffentlich, dass er Kafka und Proust für bedeutend hielt. Als 1956 Chruschtschows „Geheimbericht“ über Stalins Verbrechen durchgesickert war, wetterte Loest gegen Stalinisten in der SED, in privaten Runden auch gegen Walter Ulbricht.

Den Sozialismus aufbauen. „Ich dachte, das kann man nicht von oben machen, das muss man von unten machen“, sagt Loest. Weil die SED das anders sah, kam er 1957 ins Gefängnis.

Mehr als sieben Jahre ist Erich Loest in Bautzen II eingesessen, dem „Stasi-Knast“. Auf die Frage, wie man sich fühlt, wenn man im Gefängnis ist, während man eigentlich große Werke verfassen, Frauen schwängern und noch anderes tun wollte, antwortet er: „Vor allem müsste man in Paris sein.“ Anfangs hat es ihn schier krankgeärgert, dass er die DDR nicht rechtzeitig verlassen hatte.

Der Staat hat ihn zu einem Dissidenten gemacht, indem er ihn dazu erklärte. Loest brauchte eine Weile, bis er das begriffen hatte: „Ich war Kommunist, ich wollte den Staat verbessern. Die haben mich eingesperrt. Sie haben gesagt: ,Du bist ein Antikommunist.‘ Wenn mir so etwas mitgeteilt wird, dann muss ich diese Feindschaft annehmen. Ich bin also Antikommunist.“ Auch andere Dinge musste der Häftling „23/59“ mühsam lernen. Zwei Jahre dauerte es, bis er die Demütigung nicht mehr empfand, die ein Mensch erlebt, der fügsam seine Hände ausstrecken muss, damit ein Wärter ihm Handschellen anlegen kann. Fünf Jahre dauerte es, bis er sich an das Leben im Gefängnis gewöhnt hatte, während jenseits der Mauern seine Kinder heranwuchsen und seine Frau Annelies auf ihn wartete.

Er hatte sich „gewöhnt“, was bedeutet das? Loest lässt sich Tee nachschenken und spricht mit dem freundlichen Tonfall des Fachmanns, der einen abstrakten Sachverhalt erklärt: „Es sind Sehnsüchte weg. Man hat sich das eingerichtet durch Onanie. Man kennt alle Bräuche im Haus. Man hat vergessen, wie Kinder sind, wie Bäume sind oder Hunde oder Schafe. Aber man kennt diesen Laden. Man hat seine Kumpels. Und es überrascht einen nichts mehr, auch nicht, wie man mit den Wärtern umgeht. Die Außenwelt ist abgestorben und stört. Jedes Vierteljahr der Besuch von einer halben Stunde ist eine Qual. Für beide. Wenn der wegfiele, wäre es besser. Dann ändert sich nicht mehr viel, ob man nun acht Jahre sitzt oder zwölf.“

1964 entließ Bautzen II einen ehemaligen Sozialisten in die Freiheit, der im Gefängnis zum radikalen Gegner aller linken Ideen geworden war. Heute sind einige der einstigen DDR-Gefängnisse Gedenkstätten. In Berlin-Hohenschönhausen wird den Besuchern erzählt, dass es da spezielle Folterzellen gegeben habe, so etwa eine, die geflutet werden konnte. Loest hat von so etwas nicht gehört, weder im „Roten Ochsen“ in Halle, wo er anfangs einsaß, noch in Bautzen II. Er sagt auch, die verschärfte Einzelhaft sei schlimm genug gewesen. „In den Arrestzellen war es schweinekalt. Jeden dritten Tag gab es mittags ein warmes Essen, sonst nur Wasser und Brot und keine Freistunde. Die Leute, die da nach 21 Tagen rauskamen, waren nicht wiederzuerkennen: blass, mager verstört.“ Loest sagt: „Das langt doch.“

Heute nennt er sich einen „rechten Sozialdemokraten“. Das Gerichtsurteil und die Jahre der Gefangenschaft haben ihn hart gemacht – hart gegen das, was er früher für gut hielt. Seit 1989 liegt er in mehr oder minder stummer Fehde mit allen ostdeutschen Künstlern, die auf einen „Dritten Weg“ bauten und damals sehr schnell einsehen mussten, dass ihre Vorstellung von einer unabhängigen, demokratischen und irgendwie sozialistischen DDR wirklichkeitsfremd war. Mit dem Schriftsteller Volker Braun, sagt Loest, habe er „hin und wieder furchtbaren Krach“ gehabt: Wie der Kapitalismuskritiker Braun „über diese Demokratie hier loszieht, er ist ja der Sprache mächtig“, stört Erich Loest. Über Christa Wolf redet er höflich-verächtlich: Sie habe ja zu denen gehört, die nicht einsehen wollten, dass mit dem SED-Staat auch die DDR an ihr Ende gekommen war. Zu den ostdeutschen Schriftstellern, mit denen Loest nichts zu tun hat, gehört auch Peter Ensikat. Der ist von Beruf Satiriker, also ein Fachmann der Überzeichnung. Am Telefon sagt er bloß, Loest sehe oft „nur Schwarz und Weiß“.

Wer die Welt in Schwarz und Weiß, in Freund und Feind aufteilt, hat Ordnung in seinen Laden gebracht. Da herrscht säuberlich sortierte Übersicht. Loest hat das Feld, auf dem er sich echauffiert, auf die Stadt eingegrenzt, in der er etwas zu sagen hat: Wenigstens in Leipzig will er von der alten Ideologie nicht belästigt werden. Gegen die Linkspartei kann er nichts machen. Aber das Marx-Relief in der Universität und Werner Tübkes Panoramabild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ sind ihm besondere Ärgernisse. Loest sieht in Tübkes Bild von 1973 den „Sieg des Kommunismus über Aufklärung und Humanismus“. Diese Deutung ist zwar ein bisschen oberflächlich, aber was kümmert ihn Tübkes Bildsprache. Professoren wie Hans Mayer und Ernst Bloch, die aus Leipzig wegzogen, weil ihnen die DDR zu finster war, sind nicht auf dem Bild zu sehen. Studenten, die von der Stasi verfolgt wurden, sind ebenso wenig abgebildet. Zu sehen ist hingegen unter vielen anderen der SED-Apparatschik Paul Fröhlich. Er gehörte auch zu denen, die dafür sorgten, dass Loest ins Gefängnis kam. Nachdem Loest vergeblich dagegen agitiert hatte, dass Tübkes Panorama in der Universität hängen darf, griff er zur Selbsthilfe und hat Reinhard Minkewitz auf eigene Kosten ein Gegen-Panorama malen lassen.

Wann ist Loest glücklich gewesen? In den siebziger Jahren. Ein Freund, der auch in Bautzen II war, der Publizist Gustav Just, habe gesagt: „Wir dürfen uns nicht von denen dazu zwingen lassen, die eigene Galle aufzufressen.“ Diese Devise hat Loest befolgt, nachdem er 1964 aus dem Gefängnis entlassen worden war und sich in der Freiheit zurechtfand: „Alles, was an Lebensschönheiten da ist, genießen wir.“ So habe er damals gelebt.

Und heute? Unglücklich wirkt Erich Loest nicht. Nachdem die Arbeit absolviert ist, fragt er: Sind wir jetzt fertig, kann ich meine Frau dazu bitten, haben Sie noch Zeit für ein Glas Wein? Der Wein, den er dann öffnet, ist exzellent. Loest mag deutsche Weine und französische, vor allem die aus dem Burgund und dem Bordeaux. Er hat zwar nie in Paris gelebt, aber mit französischem Wein kennt er sich aus, als hätte er sein halbes Leben im Bistrot verbracht. Er trinkt ihn gern mit Leuten, die Bären mögen.


Aus: Süddeutsche Zeitung (Deutschland) vom 08.03.2011 – Seite 3
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