Sie ziehen Ge­rech­tig­keit an wie einen Panzer

In der Stunde, da die Türme des World Trade Center niedersanken, hat Europa sich verändert: Es unterliegt dem Zwang, Partei zu sein – die Rache kehrt in die Zivilisation zurück.

VON FRANZISKA AUGSTEIN

Als im Jahr 1985 ein amerikanisches Flugzeug entführt wurde, erklärte der damalige Präsident Ronald Reagan die Täter zum schlimmsten Abschaum, den die Welt seit dem Niedergang des Dritten Reiches gesehen habe. Angesichts des Höllenbrandes dieser Tage denkt kein Mensch an Hitler. Das Grauen von New York und Washington ist mehr als der Effekt eines verbrecherischen Plans: Es entspricht dem tiefsten Grusel der Filmwelt, es entspricht mithin dem Schlimmsten, was der Mensch sich vorstellen kann: Am Dienstag ereignete sich in New York die Apokalypse.

Als auf den Fernsehschirmen der Welt die beiden Türme des World Trade Center in sich zusammensanken – unerwartet leise, wie eine Augenzeugin berichtete – vollzog sich ein Weltuntergang: Die von Kühlschränken und Klimaanlagen flankierte Zuversicht, dass auch am folgenden Tag die Sonne aufgehen werde, wurde von einer Wolke aus Staub und stummen Schreien zugedeckt. Der Glaube an das Andauern der Alltäglichkeit, das Vertrauen in die Kontinuität und die ihr zugehörigen Mechanismen der Verrechtlichung sind in der westlichen Welt erschüttert. Und weil es kein Gott war, der das bewirkt hat, ergibt sich zwingend, dass der Westen sich an die Stelle dieses abwesenden Gottes setzen wird: Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

Das ist nicht bloß die Prophezeiung des Jesaja, das ist das politische Programm der nächsten Zukunft. Die Leitartikler haben es übernommen und entsetzten sich – mit Eifer, aber gedankenlos – über die „Feigheit“ der Selbstmord-Attentäter. Präsident Bush hat es auch übernommen. Nicht nur hat er die amerikanischen Streitkräfte weltweit in Bereitschaft versetzen lassen, zudem schickte er noch am Dienstag Kriegsschiffe los. Weil das Bedürfnis nach Rache zum Zeitpunkt dieser Ordre noch gar kein Ziel hatte, hieß Bush vorerst die Schiffe Kurs auf New York nehmen. Irgendwann wird ihr Ruder in eine andere Richtung umgelegt werden. Irgendjemand wird büßen müssen, es ist fast egal wer. Die Rache der Apokalypse richtet sich nicht nach Gerechtigkeit, sie ist die Gerechtigkeit und deshalb unfehlbar.

Die afghanischen Taliban, denen man einen unmittelbaren Bezug zur archaischen Gefühlswelt unterstellen darf, haben das sogleich begriffen: Die Türme des World Trade Center waren noch gar nicht – auf diese eigentümlich stille Weise – in den Grund gesunken, da hatten die Taliban schon eine Pressekonferenz anberaumt, um die Rache von sich abzuwenden.

Europa für sein Teil lernt jetzt, was es lange vergessen hatte: Dass es einen Punkt gibt, an dem die in vielen Jahrhunderten erarbeiteten Verfahrensregeln der Zivilisation unter der Macht des Vergeltungsdrangs zusammenbrechen. George Bush hat es angekündigt: „Wir werden diejenigen, die für diese feige Tat verantwortlich sind, zur Strecke bringen und bestrafen.“ Außerdem hat der Präsident gebetet. Beides, das Beten und das auch von Staats wegen praktizierte Hassen, ist in den Vereinigten Staaten – wo es noch nicht so lange her ist, dass Kain den Abel erschlug – lebhafter ausgeprägt als im westlichen Europa. Als der Attentäter Timothy McVeigh exekutiert wurde, zeigten viele Amerikaner sich mit der Vollstreckung unzufrieden: Sie hätten es durchaus gebilligt, wäre McVeigh vor seinem Tod von Staats wegen gefoltert worden. In Europa ist das anders. Und auf diesen Unterschied hat man sich bisher auch einiges eingebildet. Der neuerlich aufgeflammte Antiamerikanismus geht mit der Wahrnehmung einher, sowohl kulturell als auch in der Rechtspraxis „weiter“, irgendwie zivilisierter zu sein als die Vereinigten Staaten.

Damit ist es fürs erste vorbei. Europa wird sich dem Bedürfnis nach Rache nicht verschließen: Im Angesicht der Apokalypse ist die Zivilisation mit ihrem Latein am Ende. Ein Riss hat sich aufgetan, und die europäischen Staaten haben sich beeilt, auf der Seite der Amerikaner zu stehen. Im Namen des deutschen Volkes erklärte Gerhard Schröder, man werde „rückhaltlos“ zu den Vereinigten Staaten halten.

Wer je die Nato kritisierte, wer je die amerikanische Politik bemäkelte, ist jetzt zum Schweigen gebracht. Der Staub wird sich legen, aber die Stille bleibt. Alle, die immer schon Gerechtigkeit wie einen Panzer angelegt hatten, sind bestätigt worden. Es bricht an die Zeit des staatlich praktizierten Misstrauens, der eisernen Sicherheitsverschärfungen. Die Demokratien entdecken, dass sie nie wehrhaft gewesen seien und dass der Raketenabwehrschild, dessen sie bedürften, nicht bloß in den Äther, sondern gegen den Nächsten gerichtet sein wird.

Und indem Europa – aus Mitgefühl und Horror, aus politischer Notwendigkeit und großer Angst – den Mantel der Rache anlegt und im Schulterschluss mit den Vereinigten Staaten jede gewünschte Vergeltungsaktion mitmachen wird, vollendet sich eine Entwicklung, die der Kontinent noch vor drei Tagen nicht für möglich gehalten hätte: Alle amerikanischen Eigenheiten, heißt es, hielten über kurz oder lang – im Schnitt nach etwa zwanzig Jahren – auch in den europäischen Ländern Einzug. Das möchte für die Burger-Kultur zutreffen, hieß es. Das möchte gelten für Musik und Kino und das militante Nichtraucherwesen, vielleicht sogar für spirituelle Bewegungen wie New Age oder den konsumfreundlichen Wohlfühl-Buddhismus, aber damit, so dachte man, sei es genug.

Die Wirklichkeit hat diese Hoffnung Lügen gestraft. Jetzt kehrt, ob wir es wollen oder nicht, die Rache nach Europa zurück: Und sie vollzieht sich an uns, indem wir meinen, sie auszuüben. Schuldige müssen gefunden, sie müssen furchtbar gestraft werden. Das Gleichgewicht der Welt steht auf dem Spiel. Der Globus kann von Glück sagen, wenn die Wahl der Schuldigen so ausfällt, dass die Rache, der sie anheim fallen müssen, nicht einen großen Krieg auslöst.


 Aus: Süddeutsche Zeitung vom 13.09.2001 – Seite 15
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